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: Wenn der Teekessel singt

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Die Ereignisse als solche sind allerdings so unscheinbar und nebensächlich, daß sich der Autor selbst in seinem Erzählgespinst verhedderte. Was zählt, sind vielschichtig verknüpfte sinnliche Eindrücke, die sich netzartig über verschiedene Zeitebenen verzweigen. Mit psychologischen Deutungen kommt man oft nicht sehr weit, und manch eine Begebenheit bleibt, wie auch der Schluß, rätselhaft. Seine Magie entfaltet der Text in Szenen wie jener, in der Shimamura sein Ohr nah an den Teekessel bringt und in seinem Simmern den Wind durch die Kiefern streichen hört, womit übrigens, nebenbei bemerkt, auf ein berühmtes No-Theaterstück verwiesen wird. So wandern seine Gedanken von Komako fort, nur um am Ende dieser wunderbaren Assoziationskette wieder bei ihr zu landen und ihn merken zu lassen, daß alles ihn an sie erinnert. Alarmiert von diesem Gedanken, kommt er zu dem Schluß, daß er gehen muß.

Will man diesen durch und durch ästhetisierten Text, der die Möglichkeiten des Japanischen, Aussagen gewissermaßen in der Schwebe zu halten, bis an die Grenzen der Verständlichkeit treibt, ins Deutsche bringen, so gilt es, einen passenden Ton dafür zu finden. Keine einfache Aufgabe, gewiß. Immerhin liegt uns seit 1957 die in verschiedenen Verlagen wiederaufgelegte Fassung von Oscar Benl vor, aus der die Eingangssätze oben zitiert wurden. An dieser Version wird sich die Neuübersetzung von Tobias Cheung messen lassen müssen. Wie lauten bei ihm die Eingangssätze? "Jenseits des langen Tunnels erschien das Schneeland. Der Nacht Tiefe wurde weiß. Die Dampflok hielt an einem Signal." Das ist, mit Verlaub, kein leichter Einstieg für die Leser, und im Blick auf Satzstruktur und Semantik des Originals keineswegs genauer. Die neue Übersetzung tritt mit dem Anspruch größerer Texttreue auf, doch zunächst hakt und stockt man beim Lesen nur wesentlich öfter, bis einem klar wird, daß hier offenbar Nähe zum Original mit einer Rohübersetzung verwechselt wurde.

Schon daß viele Wörter in dieser neuen Übersetzung im Original belassen werden, sorgt für eine durchaus nicht notwendige Sperrigkeit, zumal dieses exotisierende Übertragen eigentlich gar nicht zeitgemäß wirkt. Weshalb kann man statt "Onsenbad" oder dem noch unglücklicheren "Onsenressort" nicht einfach Thermalbad oder Heilbad sagen? Die neue Fassung liest sich umständlich und hölzern. Man mag dem offenbar noch unerfahrenen Übersetzer zugute halten, daß er manchen Benlschen Schnitzer ausbügelt, doch baut er gelegentlich auch neue ein. Wesentlicher aber ist, daß sein Text einem die Lektüre eher verleidet. Hier finden sich fast alle Anfängerfehler bis hin zu den allzu ausführlichen und oft überflüssigen Annotationen. Mit dieser Übersetzung wäre Kawabata kaum für den Nobelpreis nominiert worden.

Was also tun? Wer Kawabata lesen möchte, sollte statt dessen zu der noch erhältlichen dtv-Taschenausgabe mit der alten Übersetzung greifen. Schade für die vertane Chance, denn dieser moderne Klassiker hat eine Neuübersetzung verdient. Umgekehrt haben die Japaner es uns vorgemacht mit ihren über dreißig Übersetzungen des "Werther" oder den zahlreichen Neuübertragungen von Werken Thomas Manns, von Rilke, Hesse oder Kafka. Jede Zeit hat ein Anrecht auf eine eigene, zeitgemäße Übertragung. Allerdings sollte deren Qualität nicht hinter die früherer Versionen zurückfallen. Der Suhrkamp-Verlag, der sich mit einem breiten Programm an hervorragenden Übersetzungen um die japanische Literatur verdient gemacht hat, hat einen Ruf zu verlieren.

IRMELA HIJIYA-KIRSCHNEREIT.

Yasunari Kawabata: "Schneeland". Erzählung. Aus dem Japanischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Tobias Cheung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 210 S., geb., 14,80 [Euro].

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