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: Wenn der Doktor mit seinem Teufelchen spielt

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Höhere Wesen in Görlitz: In seinem neuen Roman "Sünde Güte Blitz" verlegt Georg Klein sein literarisches Laboratorium in eine Arztpraxis an der deutsch-polnischen Grenze.Von Andreas Kilb In jenen fabelhaften Zeiten, als noch elektrische Wunderheiler mit ihren Glaskolben, Metallkugeln und Quecksilberphiolen ...

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          Höhere Wesen in Görlitz: In seinem neuen Roman "Sünde Güte Blitz" verlegt Georg Klein sein literarisches Laboratorium in eine Arztpraxis an der deutsch-polnischen Grenze.

          Von Andreas Kilb In jenen fabelhaften Zeiten, als noch elektrische Wunderheiler mit ihren Glaskolben, Metallkugeln und Quecksilberphiolen von Dorf zu Dorf und Stadt zu Stadt zogen und alle menschlichen Gebrechen zu heilen versprachen, wäre der Schriftsteller Georg Klein vielleicht gar kein Schriftsteller geworden. Womöglich hätte er selbst den Magnetisierstab ergriffen und die Länder der Erde bereist, um das Evangelium der okkulten Wissenschaft zu predigen. Weil aber jene Tage längst Geschichte und ihre Meister zu Fußnoten der Fachlexika geworden sind, sieht sich Klein auf ein anderes Terrain verwiesen: die Literatur.

          Hier treibt er, mangels handfesterer Alternativen, seine Alchemie. Er mischt Kinoessenzen mit Mythenresten und Klischees der Trivialliteratur, taucht sie ins Säurebad einer virtuos-manierierten Sprache und lässt sie unter hohem Formdruck aushärten. Die Gebilde, die dabei entstehen, nennt sein Verlag Romane, dabei haben sie mit der gewöhnlichen deutschen Bekenntnis- und Beziehungsliteratur nicht mehr zu tun als ein Albatros mit einem Hofhuhn. Beide besitzen Flügel, aber nur Kleins Prosa erreicht jene Spannweite, mit der man rasant aufsteigen und weit in die Welt schauen, aber auch tief abstürzen kann.

          Georg Kleins neuer Roman "Sünde Güte Blitz" beginnt mit einer nächtlichen Bruchlandung. Ein Mann schlägt im Hinterhof eines Wohnhauses in Görlitz auf, ebenso namenlos und nackt wie weiland Arnold Schwarzenegger als Terminator und ebenso unverletzlich. Dieser "Bote", ein Kraftkerl mit gereiftem Engelsgesicht, ist ein Werkzeug jener höheren Sphären, in denen auch der Erzähler sitzt und aus weiter Ferne auf das Treiben der Menschen herunterschaut. "Tollkühne Tiere" nennt sie der erste Satz des Buches, aber noch tollkühner ist das, was Klein mit seinen Menschenfiguren anstellt - solange er sich nicht auf der Gewagtheit seiner Entwürfe, den erlesenen Ausrutschern seiner Sprache ausruht.

          Diese Gefahr besteht bei Georg Klein allemal. Der literarische Alchemist hat, wie mancher andere Wort- und Bildzauberer, einen Hang zur Selbstverliebtheit. Seine Formulierungswut ergießt sich, wenn sie sich von ihren Gegenständen ablenken lässt, allzu gern in frei schwebende, wie Seifenblasen schillernde Bonmots. So heißt es in "Sünde Güte Blitz" einmal über die Winterkälte, diese sei "die blauwangige Gouvernante unter den Grausamkeiten". Und über den Mond weiß Klein, jedes noch nicht durch Gewohnheit abgestumpfte Lebewesen spüre "das sachte Saugen seiner sausenden Masse". Das hat Witz, aber es riecht doch immer nach Poesiealbum. Die Hexenküche dieses Romans hat solche Veilchendüfte jedenfalls nicht nötig.

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