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: Wenn das Meer aus Tinte wäre

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"Es scheint mir zweifellos, daß unter den progressiven Dichtern der Iraker Abdulwahab Al-Bayyati das stärkste lyrische Talent ist", schrieb Annemarie Schimmel schon 1975 in der Einleitung ihrer Anthologie "Zeitgenössische arabische Lyrik". Dennoch brauchte es nach diesem wohlwollenden Diktum noch ...

          "Es scheint mir zweifellos, daß unter den progressiven Dichtern der Iraker Abdulwahab Al-Bayyati das stärkste lyrische Talent ist", schrieb Annemarie Schimmel schon 1975 in der Einleitung ihrer Anthologie "Zeitgenössische arabische Lyrik". Dennoch brauchte es nach diesem wohlwollenden Diktum noch 28 Jahre, bis erstmals ein ganzes Buch von Al-Bayyati auf deutsch erschienen ist. Die jetzt im Verlag Hans Schiler publizierte Ausgabe verdankt sich, wie auch viele andere Einzelausgaben der neuen arabischen Dichtung, dem Engagement des seit 1979 in Deutschland lebenden irakischen Lyrikers und Verlegers Khalid Al-Maaly. Die Auswahl der Gedichte wurde noch in Zusammenarbeit mit dem 1999 verstorbenen Al-Bayyati selbst vorgenommen.

          Wer das Vergnügen hat, Al-Bayyati im Original zu lesen, wie es diese zweisprachige Ausgabe erlaubt, wird Annemarie Schimmels Urteil bestätigen können. Wer allein auf die Übersetzung angewiesen ist, wird andere Freuden als den gerühmten "lyrischen Fluß" suchen müssen. Schon Annemarie Schimmel selbst ist es nicht gelungen, den spezifischen Al-Bayyati-Ton ins Deutsche hinüberzuretten. Wo es auf arabisch sprudelt, finden wir in ihrer Übersetzung eher einen trüben Tümpel: "Weil du mich küßtest am Waldeshang / Lehrtest mich, wie mich dein Arm umschlang / Weil ich nicht geizte die Tage lang . . ." Wohlweislich verzichteten daher Khalid Al-Maaly und sein deutscher Co-Übersetzer Heribert Becker auf eine Nachahmung von Reim und Metrum. Ihre Fassung baut auf den Gehalt von Al-Bayyatis Lyrik. Sie ist prosaisch, aber dafür, anders als Schimmels Fassung, einigermaßen verdaulich.

          1926 in Bagdad geboren, zählt Abd al-Wahhab al-Bayyati zur Gründergeneration der modernen arabischen Poesie und war bis zu seinem Tod einer ihrer berühmtesten Vertreter. Sein Werk zeugt von der Auseinandersetzung mit der Weltliteratur, die er, begünstigt durch zahlreiche Reisen und Auslandsaufenthalte, intensiver rezipierte und in sein Werk einfließen ließ als die meisten arabischen Autoren. Neben Adonis und Mahmud Darwish ist er der am häufigsten übersetzte arabische Dichter der Gegenwart. Während sein früh verstorbener Konkurrent Badr Shakir as-Sayyab (1926 bis 1964) der tiefere Dichter war, schrieb Al-Bayyati zunächst politische Dichtung. Seit seinem zweiten Gedichtband "Zerbrochene Krüge" von 1954 galt er als der bedeutendste Dichter des sozialistischen Realismus in der arabischen Welt. Seine großen Vorbilder hießen Aragon, Eluard, Lorca, Nazim Hikmet und Pablo Neruda. In Tonfall und Sound kommt er ihnen nahe, inhaltlich bleibt er hingegen oft in einem romantischen Lamento befangen: "Meine Geliebte . . . alle / unsre Gefährten sind tot / und geblieben ist nur die Zeit / und das Seufzen der Lieder." Aber auch diese Wehleidigkeit kann ihre Reize haben.

          Nach dem Schock der arabischen Niederlage im Sechs-Tage-Krieg von 1967 wandte sich Al-Bayyati wie so viele arabische Schriftsteller verstärkt der arabisch-islamischen Kulturtradition zu, insbesondere dem Sufismus. Der bekannte sufische Märtyrer-Dichter Al-Halladj (gestorben 922) gab in zahlreichen Gedichten Al-Bayyatis das Paradigma für die letztlich im Streben zu Gott begründete Aufopferung für die Armen und Entrechteten. Das einstige Ideal des Dichter-Revolutionärs ersetzte er, wie er in seiner Autobiographie schreibt, durch "die Idee von der zivilisatorischen Weltrevolution, die sich eines Tages auf dieser oder - nach religiösem Verständnis - in einer anderen Welt ereignen wird". Der Dichter sollte sich vom Revolutionär zum (Vor-)Denker wandeln, und die islamischen Mystiker galten als die Pioniere dieser Vision vom Schriftsteller, die bei Al-Bayyati immer auch einen melancholischen Einschlag hat: "Wenn das Meer Tinte zum Schreiben wäre, dann riefe der Dichter aus: Oh mein Gott, das Meer ist ausgetrocknet, und ich krieche noch immer an seinem Ufer entlang", heißt es in einem seiner vielen Gedichte, die den Sufis gewidmet sind.

          In diesem Teil seines Werks dürfte Al-Bayyati die größte Tiefe erreicht haben. Unter seinen früheren Texten finden wir jedoch auch in dieser Auswahl manche, die eher von Ressentiment als von dichterischer Durchdringung zeugen. Man wird es nach dem 11. September nicht mehr als harmlos abtun können, wenn in einem Zyklus von 1958 die "Westliche Zivilisation" (so der Titel eines Gedichts im Zyklus), mehrmals mit einer Hure verglichen wird, "die der Zug hat stehen lassen". Man sollte auch nicht verschweigen, daß Al-Bayyati, darin ganz in der Tradition der großen arabischen Dichter seit alter Zeit, die Berührung mit der Macht nie ernsthaft gescheut hat. In den sechziger Jahren lebte er auf persönliche Einladung Nassers in Ägypten, in den siebziger und achtziger Jahren arbeitete er unter Saddam Hussein im diplomatischen Corps seines Landes, bis er 1990 pensioniert wurde - gerade rechtzeitig, um sich der Frage "für oder gegen Saddam" nicht in voller Schärfe stellen zu müssen.

          Immerhin beantwortete Al-Bayyati sie auf seine Weise dann doch, indem er seinen Lebensabend auf Einladung von Saddams Erzfeind, dem syrischen Präsidenten Hafiz al-Asad, in Damaskus verbrachte. Daß er die jüngsten Entwicklungen im Irak nicht mehr miterlebt hat, dürfte sein Glück sein. Mit den Erfahrungen und Ausdrucksmitteln seiner Generation hätte er kaum eine bessere Antwort darauf gefunden als diejenige, die er bereits in "Prophezeiung" formuliert hat: "Ach, was soll ich dem Sänger sagen / wenn des Nachts am Fuße der Mauern die Pferde wiehern / die Magier der kommenden Zeit die Trommeln schlagen / und sie von überallher aus dem Exil heimkehren."

          STEFAN WEIDNER

          Abdulwahab Al-Bayyati: "Aischas Garten". Ausgewählte Gedichte. Arabisch-Deutsch. Aus dem Arabischen übersetzt von Khalid Al-Maaly und Heribert Becker. Verlag Hans Schiler, Berlin 2003. 170 S., br. 17,80 [Euro].

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