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: Weine nicht um sie, Argentina

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Es ist der April des Jahres 1976. Unmittelbar nach der Amtseinführung des neuen argentinischen Präsidenten Jorge Rafael Videla, eines "Manns mit Mütze, riesigem Schnurrbart und bösem Gesicht", wird der zehnjährige Harry von seiner Mutter aus dem Schulunterricht geholt: "Wir machen eine Reise." Am ...

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          Es ist der April des Jahres 1976. Unmittelbar nach der Amtseinführung des neuen argentinischen Präsidenten Jorge Rafael Videla, eines "Manns mit Mütze, riesigem Schnurrbart und bösem Gesicht", wird der zehnjährige Harry von seiner Mutter aus dem Schulunterricht geholt: "Wir machen eine Reise." Am Abend stößt der Vater zu ihnen, ein Rechtsanwalt, der sich auf die Verteidigung politischer Gefangener spezialisiert hat: "Wir verschwinden für ein paar Tage, bis sich die Dinge beruhigt haben." Der Vater irrt sich. Es sollen mehr als nur ein paar Tage werden.

          "Kamtschatka" heißt dieser Roman, in dem der argentinische Schriftsteller Marcelo Figueras die Geschichte einer Familie zur Zeit des Militärputsches erzählt. Um den Titel zu verstehen, muß man tief in Harrys Welt eintauchen, in der die überstürzte Flucht der Familie aus Buenos Aires in ein entlegenes Landhaus zunächst nicht mehr ist als ein abenteuerliches Spiel. Als sein Vater ihm erklärt, daß alle Familienmitglieder neue Identitäten annehmen müßten, entdeckt Harry darin das Vorgehen der "Spione, die vorgeben, jemand anderes zu sein, um nicht in die Fänge des Feindes zu geraten". Angeregt durch die Science-fiction-Serie "Invasion von der Wega", hält er Ausschau nach feindlich gesinnten Außerirdischen in Menschengestalt, und bei der aufmerksamen Lektüre eines Comic-Heftes stößt er auf eine "verdächtige Ähnlichkeit" zwischen "Ming, dem Bösewicht von Flash Gordon", und López Rega, dem schlangenhaften Ratgeber Juan und Isabel Peróns: "Natürlich ohne den Bart und mit kurzen Fingernägeln."

          Vor der märchenhaften Kulisse des Landhauses mit seinem moosgrünen Swimmingpool und einem Garten voller Kröten schafft sich Harry mit Hilfe seiner Serienstars und Superhelden und der einschlägigen Szenarien der klassischen Jugendliteratur sein eigenes Neverland - beziehungsweise sein eigenes Kamtschatka. Harry ist nämlich ein leidenschaftlicher Anhänger des Strategiespiels "Risiko" (das in der argentinischen Version den ehrlichen Titel "Táctica y Estrategia de la Guerra" trägt), und auf dessen als Weltkarte gestaltetem Spielbrett wird die kleine Halbinsel im Osten Rußlands als eigenständige Nation neben den Großmächten geführt.

          "Kamtschatka ist das extreme, paradoxe Reich; eine Übung im Widerspruch." Das ist nicht mehr die Stimme eines Zehnjährigen, sondern die des erwachsenen Harry, der als fiktiver Autor des Romans auftritt und die Phantasien seiner Kindheit zu Metaphern umdeutet: "Ich habe lange Zeit an einem Ort gelebt, den ich Kamtschatka nenne, einem Ort, der dem echten Kamtschatka sehr ähnlich ist (wegen der Kälte und der Vulkane, wegen seiner Abgeschiedenheit)", erklärt er im Rückblick auf die innere Emigration, in der unzählige Argentinier angesichts der anhaltenden Militärdiktatur bis Anfang der achtziger Jahre zwischen politischen "Vulkanausbrüchen" und lebensbedrohenden "Schwefeldämpfen" ausgeharrt haben.

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