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: Wehe, wenn die Moffen kommen

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Und dann passiert es. Sie kommen schräg über die Straße, wobei mir eigentlich zum ersten Mal die Judensterne an ihrer Kleidung auffallen, und direkt vor unserer Haustür stolpert Eli über den Bordstein und stürzt. Einer der Moffen packt sein Gewehr mit beiden Händen, dreht es um, so daß der Kolben mit stählernem Stichblatt nach unten zeigt, und stößt zu.

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          Und dann passiert es. Sie kommen schräg über die Straße, wobei mir eigentlich zum ersten Mal die Judensterne an ihrer Kleidung auffallen, und direkt vor unserer Haustür stolpert Eli über den Bordstein und stürzt. Einer der Moffen packt sein Gewehr mit beiden Händen, dreht es um, so daß der Kolben mit stählernem Stichblatt nach unten zeigt, und stößt zu. Und mein Freund schreit, und dieser Schrei wird mich mein ganzes Leben begleiten."

          Selten ist Heere Heeresma so nah am (durchaus gerechtfertigten) Pathos wie im letzten Satz dieses Abschnitts. So konkret und genau wie in den Sätzen davor aber ist er immer, ob in der Eingangsszene, als er auf den Schultern seines "baumlangen" Vaters sitzt und in der Amsterdamer Apollo-Halle einer Kundgebung gegen die Deutschen zusieht (noch vor deren Überfall auf das Land), oder in der Schilderung einer Busfahrt von Amsterdam nach Hilversum mit seinem Vater: "Auf der Heide exerzierte die Wehrmacht, und ein Geruch von kräftiger Fleischbouillon zog durch die offenen Fenster herein. Das Rattern der Maschinenpistolen und das Tackern der Maschinengewehre setzt sich fort von Horizont zu Horizont, und unter den Geräuschkuppeln irrte eine Herde verwahrloster Schafe herum. Ich sah eben oft Dinge, die sonst keiner sah."

          Zu sehen, was sonst keiner sieht, ist vielleicht das Privileg der Kindheit. Deshalb geht das Gesehene später meistens verloren, es sei denn, das Kind wird zu einem so sprachmächtigen und formbewussten Dichter wie der 1932 geborene Heere Heeresma, dessen Debüt 1954 bezeichnenderweise ein Gedichtband mit dem Titel "Kinderkamer" (Kinderzimmer) war. Dann haben auch die autobiographischen Erinnerungen an die Jahre der deutschen Besatzung nicht den üblichen, immer irgendwie plaudernden Klang von Memoirenliteratur, sondern werden zu einer durchgearbeiteten und sehr eindrücklichen Erzählung.

          Von den 140 000 Juden, die vor dem Krieg insgesamt in den Niederlanden lebten, haben mehr als 100 000 die Zeit der deutschen Besatzung nicht überlebt. Keine Marionettenregierung à la Vichy störte dort die deutsche Ausrottungssystematik, die sich zugleich auf eine zum Teil sehr effiziente und willfährige niederländische Beamtenschaft stützen konnte. In der Stadt Amsterdam, jahrhundertelang das Symbol für Toleranz in Europa, war praktisch überall das Schild "Voor jooden verbooden" zu lesen: "Dieses Verbotsschild schaffte es schließlich überallhin - bis an die Eingänge zu den Pissoirs." Nur an der Reitschule und dem Minerva-Spielplatz in der Nähe der Apollolaan hat man das Schild offenbar vergessen. "Und also kamen sie, die Juden, zu einem Schlupfloch, einem Ort, einem Platz, der mit üppigem Gras bedeckt war und wo sie sich treffen und in der Sonne sitzen konnten (. . .) Und immer war schönes Wetter, über den Minerva-Spielplatz spannte sich ein schier unglaublich blauer Himmel, an dem man nachmittags gegen drei Uhr ganz großartig die Bombenwerfer in ihren Dreiecksformationen beobachten konnte. Wellingtons, ein damals schon etwas veralteter Typ, doch mit einer kolossalen Feuerkraft."

          Auf die Dauer aber rettet das Schlupfloch niemanden. Woche für Woche holen die Deutschen wieder eine jüdische Familie aus der Bekanntschaft der Heeresmas ab. Die Spielkameraden des Jungen verschwinden nach und nach. Sein Vater ist ein evangelischer Theologe, gegen religiösen wie rassischen Antisemitismus immun. Doch auch den jüdischen Studenten Johan Hiegentlich, den die Familie in der eigenen Wohnung versteckt, muss sie eines Tages in einem anderen Versteck unterbringen, weil auch das damals noch recht neue Viertel Amsterdam-Zuid, in dem man wohnt, systematisch durchkämmt wird.

          "Alles ist hier so schön und noch wie neu. Und ein idiotischer Gedanke kommt in mir hoch: Der Führer wird hier niemals wohnen." Aber die blühende Stadt Amsterdam, eine der schönsten Europas, wird immer mehr entvölkert, und das Leben in ihr stirbt ab: ein Prozess, den Heeresma in vielen kleinen Details sehr eindrucksvoll beschreibt. Zwar wird der Führer nie hier wohnen, aber seine Schergen sind fleißig und gründlich. Woche für Woche werden die jüdischen Familien in der "Joodsche Schouwburg" im Südosten des Amsterdamer Zentrums gesammelt, gleich gegenüber vom Botanischen Garten. Sie bekommen ihren "Aufruf", und sie folgen. "Niemand kann euch zwingen, dem Aufruf der Moffen zu folgen", sagt Heeresmas Mutter beschwörend zu jüdischen Bekannten und fordert sie auf zu fliehen, aufs Land, nach Drente oder Friesland.

          "Mevrouw Comperts mit ihrem strahlenden Gesicht versucht, meine Mutter zu beruhigen. Sie stehen alle auf einer Liste, die unmöglich platzen kann, wie man das nennt. Diese Liste schützt sie selbst für den Fall, dass sie auf Transport nach Osten müssen." Da geht es dann auch hin, mit der Zwischenstation Westerbork. Das letzte Bild, das Heeresma beschreibt, schnürt einem die Kehle zu. Brav schieben die Insassen von innen die Rolltür des Eisenbahnwaggons zu, in dem sie in den Tod transportiert werden.

          Heeresmas Erzählung gehört, auch in ihrer literarischen Qualität, in eine Reihe mit den Büchern von Primo Levi, von Jacques Pressers "Die Nacht der Girondisten" oder Patrick Modianos "Dora Bruder". Es ist allerdings eine Spur lichter, hoffnungsvoller. Was auf Deutsch jetzt vorliegt, ist der erste Teil dieser Kindheitsgeschichte; die Übersetzung des zweiten, der mit der Befreiung durch die Kanadier endet, soll bald folgen.

          "Im babylonischen Talmud heißt es", schreibt Heeresma in einer kurzen Vorbemerkung, "dass der Mensch zweimal stirbt. Zuerst erleidet er den Tod, und dann gerät er in Vergessenheit. Dieses Buch wurde aus Protest geschrieben." Nur in der Konkretion kann uns das Unfassbare, das sonst hinter Zahlen verblasst, etwas begreiflicher gemacht werden. Dazu gehört allerdings ein Erzähler wie dieser.

          JOCHEN SCHIMMANG

          Heere Heeresma: "Ein Junge aus Amsterdam".

          Erzählung. Aus dem Niederländischen übersetzt von Marianne Holberg. Ammann Verlag, Zürich 2008. 152 S., 19,90 [Euro].

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