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Sowjetischer Klassiker : Wie Menschen und wie Tiere sterben

Sowjetische Truppen beim Kampf um Stalingrad, undatiertes Foto Bild: dpa

Siebzig Jahre war er nur gekürzt und zensiert zu lesen: Zur Wiederentdeckung von Wassili Grossmans Epos über die Schlacht von Stalingrad.

          5 Min.

          Als 2007 der monumentale Roman „Leben und Schicksal“ des sowjetischen Schrift­stellers Wassili Grossman erstmals vollständig in deutscher Übersetzung erschien, war von einem sensationellen literarischen Fund, ja von einem „Jahrhundertroman“ die Rede. Wieso hatte die Wiederentdeckung dieses kapitalen Werks so lange gedauert? Unter anderem deswegen, weil Grossman, geboren 1905 in Berditschew in der heutigen Ukraine, als jüdischer Schriftsteller und unbarmherziger Realist immer zwischen den Stühlen gesessen hatte. Als er 1964 starb, waren seine Hauptwerke entweder verstümmelt oder gar nicht erschienen, seine Papiere konfisziert, er selbst als Dissident zur Unperson erklärt worden. Das 1948 publikationsfertige „Schwarzbuch“ über den Genozid an den sowjetischen Juden, dessen Redaktion Grossman von Ilja Ehrenburg übernommen hatte, wurde im Zug von Stalins antisemitischen Kampagnen unterdrückt. Längst war das Sterben der sowjetischen Juden hinter dem ver­fälschenden Opferbegriff „friedliche Sowjetbürger“ versteckt worden.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Erst jetzt können wir überschauen, was Zensur, Verbot und Textverstümmelung dieses Ausmaßes bedeuten. Denn „Leben und Schicksal“ hat einen kaum weniger bedeutenden Vorgängerroman mit dem Titel „Stalingrad“, der nun in einer sorgfältigen Übertragung und annähernder Vollständigkeit auf Deutsch vorliegt: fast 1300 Seiten stark, übersetzt auf der Grundlage einer Textfassung, die Robert Chandler erstellt und 2019 auf Englisch veröffentlicht hat. Grossman seinerseits hatte den Roman noch während des nationalsozialistischen Eroberungskriegs im Osten begonnen. Später musste er zahlreiche Änderungen vornehmen und auf Druck der stalinistischen Kulturhüter auch einen patriotischen Titel akzeptieren: „Für die gerechte Sache“ – gemeint ist der Kampf gegen den Faschismus – erschien von 1950 an in der Sowjetunion nur in zensierten Fassungen. Auf einen persönlichen Brief an Stalin („Ich bitte Sie inständig, mir bei der Lösung der Probleme zu helfen, die das Schicksal des Buches betreffen. Ich halte es für das wichtigste Werk meiner Laufbahn.“) erhielt Grossman keine Antwort.

          Szenen von Angst, Großmut und Zähigkeit

          Doch nur beide Romane zusammen, als „Dilogie“, wie sie konzipiert waren, ergeben das hoch ambitionierte Werk, das dem Künstler Wassili Grossman vorschwebte: ein Epos über den deutschen Krieg gegen die Sowjetunion auf allen Ebenen der Gesellschaft, über Bombardements und Zerstörungen, die deutschen Lager und die sowjetischen Gulags. Und damit eine Analyse der Totalitarismen in Grossmans Zeit; ein Zeugnis millionenfach vernichteten Lebens, aber auch unbeugsamer Hoffnung; und eine Hommage an die Toten.

          Wassili Grossman: „Stalingrad“. Roman.
          Wassili Grossman: „Stalingrad“. Roman. : Bild: Claassen Verlag

          Die beste Rechtfertigung des realistischen Romans liegt wohl im Realitäts­gehalt der Katastrophe, die ihm den Stoff liefert. Stalingrad – das Wort genügt als Chiffre – war eine der grausamsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs mit Hunderttausenden Opfern auf beiden Seiten, verklärt, verflucht und in zahl­losen Büchern beschworen, weil Stalingrad für die einen der Untergang, für die anderen der Wendepunkt des Krieges war. Grossman sieht alles, die militärischen Manöver und die Reaktionen der Zivilbevölkerung, und er beglaubigt es in eindringlichen Szenen von Angst, Großmut, Zähigkeit, Verlorenheit und Verlust.

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