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Sowjetischer Klassiker : Wie Menschen und wie Tiere sterben

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Beim Schreiben seines ersten Mammutwerks hatte der ausgebildete Chemiker Wassili Semjonowitsch Grossman, der als junger Mann mit Kurzgeschichten hervorgetreten und von Maxim Gorki gefördert worden war, das Vorbild von „Krieg und Frieden“ ständig vor Augen. Doch der entscheidende Unterschied war ihm bewusst: Tolstoi hatte seinen großen Roman über Napoleons Feldzug gegen das russische Zarenreich fünfzig Jahre nach den Ereignissen und mit der Abgeklärtheit des Nachgeborenen verfasst. Grossman dagegen stand mitten im Gefecht. Für untauglich befunden, verbrachte er als Kriegsreporter für die Armeezeitung Roter Stern drei Jahre bei den sowjetischen Truppen und erlebte einige der härtesten Schlachten mit. Doch es war nicht Zeugenschaft allein. Seine Fähigkeit, sich dem Gegenüber mit Offenheit und Neugierde zu nähern, muss einzigartig gewesen sein, und er wurde zum meistgelesenen sowjetischen Berichterstatter des Zweiten Weltkriegs.

Trauergesang für Vögel, Hunde, Katzen, Ratten

In „Stalingrad“ finden diese Erfahrungen – viele wurden in Notizbüchern festgehalten – ein Echo. Selbst der Blick auf Nebenfiguren des Infernos, auf drei oder fünf Zeilen skizziert, ist erschütternd. „Schenja sah eine Wahnsinnige mit wirrem grauem Haar, die einen aufklaffenden Bademantel über dem nackten Körper trug; sie stand mitten im Rauch auf der Straße und puderte sich, zerstreut und kokett lächelnd, mit einer Quaste Nase und Wangen.“ Eine Stadt unter Feuer, eine Stadt voller Fliehender und Verängstigter, eine Stadt in Trümmern. „Seltsam schienen die Veränderungen, und seltsam wirkte das Unveränderte.“ Auch die sterbenden Tiere erhalten bei Grossman ihren Trauergesang, die Vögel, die Hunde, die Katzen, die Ratten. „Ein Pferd hatte seinen Karren umgeworfen und das Geschirr zerrissen, schleifte Stangriemen und Zügel hinter sich her, irrte am Ufer entlang und tat einen Satz ins Wasser.“ Die Tauben dagegen, „die eine stärkere Kraft als der Selbsterhaltungstrieb an ihren Schlag band, kreisten über den brennenden Häusern und gingen, erfasst von glühenden Luftströmen, in Rauch und Flammen zugrunde“.

Einmal sieht der Sowjetkommissar Krymow, eine weitere Hauptfigur dieses mehr als 150 Namen umfassenden Epos, eine Reihe Infanteristen die Straße entlanggehen, „mit gesenkten Köpfen, mit finsteren, gequälten Gesichtern“. Da stellt er sich die Frage: „Ob die mit den finsteren Gesichtern es wohl in die Bücher schaffen?“ Es ist eine der zahlreichen Passagen, in denen der Tolstoi-Verehrer Grossman seinen berühmten Vorläufer durch das Sprachrohr Krymow zum Disput fordert. Und er folgert: „Dieser Anblick war nichts für Schriftsteller, die den Krieg später einmal in erhabene weiße Gewänder hüllen würden.“

Denn hier geht es um eine Zeit, die bis heute weiterwirkt, und um die persönliche Verantwortung des Einzelnen am Gang der Geschichte. In einem Jahrhundert, in dem die Vernichtung eine Sache aller geworden ist, erkennt Grossman den einzigen Rettungsanker in individueller Moral. Deshalb ist der Platz des Schriftstellers, der sich die Wahrheit dieses mörderischen Jahrhunderts vorgenommen hat, an der Seite der Opfer von Fliegerangriffen und Artilleriebeschuss, der in der Wolga Ertrunkenen, der Verbrannten und Vergessenen. Jetzt, endlich, kann die Wirkung von Wassili Grossmans grandiosem Roman „Stalingrad“ auch bei uns beginnen.

Wassili Grossman: „Stalingrad“. Roman. Aus dem Russischen von Christiane Körner, Maria Rajer und Andreas Weihe. Claassen Verlag, München 2021. 1280 S., geb., 35,– €.

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