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: Was will der Kater mit der Tora?

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Frankreich hat eine besonders große Tradition der Comicszenaristen: Autoren wie René Goscinny, Jean-Michel Charlier oder Michel Regnier alias Greg sind im englischen Sprachraum bestenfalls Stan Lee und Alan Moore an die Seite zu stellen - und in anderen Sprachen niemand. Denn diese fünf beschränkten ...

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          Frankreich hat eine besonders große Tradition der Comicszenaristen: Autoren wie René Goscinny, Jean-Michel Charlier oder Michel Regnier alias Greg sind im englischen Sprachraum bestenfalls Stan Lee und Alan Moore an die Seite zu stellen - und in anderen Sprachen niemand. Denn diese fünf beschränkten sich (mit Ausnahme Gregs) auf das Verfassen von Vorlagen, die dann andere Zeichner, und zwar jeweils die besten ihrer Zeit, als Comics gestaltet haben. Allerdings wäre es ein Fehlschluß zu glauben, daß guten Szenaristen das Zeichentalent fehlt. Greg hat mit "Albert Enzian" eine ewig junge Serie selbst auch gezeichnet, und Künstler wie Albert Uderzo, Jean Giraud, Morris, André Franquin - um nur einige der berühmtesten Namen der französischsprachigen Comicwelt zu nennen - haben immer wieder betont, wie groß der Einfluß ihrer Szenaristen auf die Zeichnungen gewesen ist. Alan Moores Anweisungen an seine Illustratoren erreichen denn auch den mehrfachen Umfang des Endprodukts und geben noch das kleinste Detail vor.

          Nach dem Tod der französischen Veteranen und dem Rückzug Lees auf die Vermarktung seines Nimbus ist Moore die letzte noch aktive Legende der Szenaristenzunft. Doch nun hat Frankreich ein neues Talent, nein, bereits einen Meister hervorgebracht: den gerade dreiunddreißigjährigen Joann Sfar. Er hat bislang schon mehr als sechzig Geschichten geschrieben, darunter einige der besten, die der frankobelgische Comic überhaupt hervorgebracht hat. Doch im Unterschied zu seinen Vorläufern ist Sfar auch als Zeichner sehr aktiv, und es fällt schwer zu sagen, in welchem Fach er virtuoser tätig ist. Deshalb sind es Serien, die er sowohl schreibt wie auch zeichnet, die aus seinem Werk besonders hervorstechen: "Pascin", "Petit Vampire", "Professeur Bell" und "Le Chat du Rabbin".

          Bislang mußte man sich in Deutschland auf Übersetzungen anderer Arbeiten Sfars beschränken: auf die eindrucksvolle "Donjon"-Serie etwa oder die Kinderserie "Merlin". Jetzt jedoch sind im Berliner Avant Verlag gleich drei Bände übersetzt worden, die endlich zwei der vier Chef d'oeuvres von Sfar zugänglich machen: die zwei ersten Alben der "Katze des Rabbiners" und der Auftaktband zu "Professor Bell". Wohl selten hat es hierzulande binnen zweier Monate einen solchen Qualitätsschub im Comicangebot gegeben.

          Denn Sfar ist zweifelsohne der beste Autor, den der Comic derzeit aufzuweisen hat, und er hat zudem einen ganz eigenständigen Zeichenstil entwickelt, der in Frankreich bereits munter kopiert wird. Dennoch bleiben seine expressionistischen Bildfindungen unverkennbar, und die Farbpalette, die seine regelmäßige Koloristin Brigitte Findakly für ihn geschaffen hat, unterstützt die meist wie anskizziert wirkenden Zeichnungen auf das schönste. Dazu fällt Sfar immer wieder von einem Stil in den anderen, läßt auf tiefschwarze Tuscheflächen filigrane, wie mit Bleistift gezogene Liniengewirre folgen, verändert die Physiognomie des titelgebenden Tiers aus "Die Katze des Rabbiners" nach Belieben - und schafft einen besonderen Reiz mit dieser scheinbaren Spontaneität des Zeichnens.

          Ja, scheinbare Spontaneität, denn spätestens, seit Sfar seine mehr als tausend Seiten umfassenden Notizbücher publiziert hat, weiß man, wie es aussieht, wenn er einfach draufloszeichnet. Auch das ist noch im höchsten Maße bemerkenswert, weil er eine Einheit von Typographie und Bild schafft, die einzigartig ist. Aber wieviel Überlegung in die Ausgestaltung seiner beiden jetzt auf deutsch begonnenen Serien eingeflossen ist, wird erst klar, wenn man Sfars Kunst in statu nascendi besichtigt.

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