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: Was machen die Juden in Alaska, Mr. Chabon?

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Was wäre gewesen, wenn? Historiker verachten die Frage, Autoren lieben sie. Der Amerikaner Michael Chabon, 45, verlegt in seinem Roman "Die Vereinigung jiddischer Polizisten" den jüdischen Staat nach Alaska und macht dieses Schtetl on the Rocks zum Schauplatz eines Krimis. Chabons fabelhafter Trick ...

          Was wäre gewesen, wenn? Historiker verachten die Frage, Autoren lieben sie. Der Amerikaner Michael Chabon, 45, verlegt in seinem Roman "Die Vereinigung jiddischer Polizisten" den jüdischen Staat nach Alaska und macht dieses Schtetl on the Rocks zum Schauplatz eines Krimis. Chabons fabelhafter Trick besteht darin, diese hybride, jüdisch-subpolare Welt bis ins kleinste Detail so überzeugend auszugestalten, dass einem alles völlig realistisch erscheint. Ein heftiger Flirt mit der schwarzen Serie, ein Roman über eine Welt, in der es außer dem Exil keine Option gibt.

          Wie sind Sie ausgerechnet auf Alaska gekommen?

          Es gab 1940 tatsächlich einen Vorschlag von Roosevelts Innenminister Harold Ickes. Es waren humanitäre Gründe angesichts der Vertreibung der Juden aus Deutschland, die ihn dazu bewogen. Es gab einen Antrag im Kongress, der nicht durchkam. Der Plan war, die jüdischen Flüchtlinge für eine begrenzte Zeit auf dem damaligen Territorium von Alaska anzusiedeln, um sie nach dem Krieg wieder zurückkehren zu lassen. Ich muss davon gelesen haben, ich weiß nicht mehr, wo. Es war eine Fußnote der Geschichte. Dann bekam ich irgendwann einen Sprachführer aus dem Jahr 1958 in die Hand, "Say it in Yiddish". Das Buch war amüsant, und es hat mich nicht mehr losgelassen, weil es ja implizierte, dass es einen Ort gibt, an dem man es benutzen kann, wenn zum Beispiel das Auto kaputtgeht und man mit einem Mechaniker verhandeln muss. Ich habe lange darüber nachgedacht, wie dieser Ort beschaffen sein könnte, ich habe sogar einen Essay darüber geschrieben, in dem auch Ickes' Eingabe vorkommt. Und irgendwann war ich dann bereit für einen Roman.

          Wie oft waren Sie in Alaska?

          Ich bin zwei Mal dorthin gereist, während ich das Buch schrieb, und einmal, als es fertig war. Ich wollte sehen, wie es dort aussieht, das Wetter, das Licht, die Gerüche, das Wasser - ich musste ein Gefühl für den Ort bekommen. Und ich habe hart an der Glaubwürdigkeit gearbeitet. Das größte Kompliment habe ich dann bei einer Lesung bekommen. Eine Frau kam hinterher zu mir und sagte, sie habe den Ort Sitka vor Jahren während einer Kreuzfahrt besucht und frage sich, wie sie die großen Gebäude habe übersehen können. Da wusste ich: Ich habe meine Arbeit getan.

          Der Einfluss von Autoren wie Raymond Chandler ist in Ihrem Buch unübersehbar . . .

          Chandler und Ross Macdonald waren weniger wichtig für den Plot als für die verschiedenen Stimmen, für den Tonfall des Erzählens, für die Haltung zu Gewalt und Politik und Verbrechen. Was den Plot angeht, habe ich immer mehr an einen Film wie "Chinatown" denken müssen - ein kleiner, trivialer Vorfall, der immer größere Kreise zieht und zu einer großen Verschwörung führt. Bei mir wird zu Anfang ein Junkie ermordet, und von da an weitet sich der Fall aus. Es wird Sie vielleicht überraschen, aber ich sehe auch einen Zusammenhang zwischen Chandler und Isaac Babel, der für mich immer ein jüdischer hard-boiled Autor war. Genau so wollte ich schreiben, ich hatte das Gefühl, mich auf diesem seltsamen Territorium zwischen Babel und Chandler zu bewegen. Ich wollte gewissermaßen die Tradition des hartgesottenen amerikanischen Detektivromans judaisieren.

          Man könnte Ihren Roman auch als einen ganz speziellen Beitrag zum sechzigsten Jahrestag des Staates Israel lesen!

          Natürlich habe ich nicht daran gedacht, aber das Timing passt. 1948 wird ja bei mir auch der Distrikt Sitka eingerichtet, und wenn man "counterfactual history" betreibt, sucht man die Koinzidenz mit einem historischen Datum. Es ist ein Signal für den Leser. Mein Roman handelt auch davon, was es heißt, in einer Welt zu leben, in der es nur das Exil gibt. Und damit erinnert er daran, dass ein jüdischer Staat, den man nach sechzig Jahren für selbstverständlich nimmt, das gar nicht ist.

          Ihr Roman zeigt aber auch die Ambivalenz der amerikanischen Politik, wenn Regierungsstellen und Evangelikale mit jüdischen Exilanten einen Anschlag auf den Felsendom in Jerusalem planen.

          Es gibt diese Ambivalenz, auf beiden Seiten. Ich finde es politisch fatal, wie manche amerikanische Juden und das derzeitige konservative Establishment einander umarmen. Diese Bereitschaft amerikanischer Juden, sich mit der christlichen Rechten einzulassen, ist kurzsichtig und desaströs. Sie glauben, die christliche Rechte unterstütze sie, wenn sie sagt, man müsse alles tun, um den Fortbestand Israels zu sichern. Das klingt gut, aber das Ziel dahinter ist, dass alle Juden, die nicht zum Christentum konvertieren, dann nach Israel zurückgeschickt werden können. Ich finde das abscheulich, und insofern ist das Szenario in meinem Roman auch nicht an den Haaren herbeigezogen.

          Stimmt es, dass die Coen-Brüder Ihren Roman verfilmen wollen?

          Ja, sie schreiben ein Drehbuch. Und wenn ich mir hätte aussuchen können, wer das Buch verfilmen soll, wäre mein Wahl auf sie gefallen. Sie sind perfekt dafür. Ich beteilige mich jedoch nicht daran, obwohl Scott Rudin, der Produzent, mich gefragt hat. Das ist aber keine grundsätzliche Haltung. An der Verfilmung meines Romans "Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay" habe ich lange gearbeitet, aber das Projekt ist mittlerweile so gut wie tot. Bei "Spiderman" dagegen wurde ich angeheuert, es war ein Job, ein großartiger Job: Ich kam schnell, ging schnell, wurde gut bezahlt, und ein Großteil meines Drehbuchs ist im Film gelandet.

          Interview Peter Körte

          Michael Chabon: "Die Vereinigung jiddischer Polizisten". Roman. Deutsch von Andrea Fischer. Verlag Kiepenheuer & Witsch. 422 Seiten, 19,95 Euro

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