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: Was ist nur aus Pippi Langstrumpfs Enkelin geworden?

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Dieses Schweden könnte einem langsam Sorgen machen - wenn man in Rechnung stellt, was seine Schriftsteller für ein Bild des Landes zeichnen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten überrollt den deutschen Leser eine Welle düsterer Romane, man muss sich nur die Legion der Mankells, Nessers und Konsorten vor ...

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          Dieses Schweden könnte einem langsam Sorgen machen - wenn man in Rechnung stellt, was seine Schriftsteller für ein Bild des Landes zeichnen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten überrollt den deutschen Leser eine Welle düsterer Romane, man muss sich nur die Legion der Mankells, Nessers und Konsorten vor Augen führen. Bei uns, verraten die Bücher, wird der Rechtsstaat mit Füßen getreten, regieren alte Nazi-Netzwerke, wird aus dem Osten Prostitution, Drogenhandel, Mafia und Kindsmissbrauch eingeschleppt; obendrein ist das Wetter schlecht, die Stimmung auch. Merkwürdigerweise nimmt das den Schweden keiner übel, im Gegenteil: Die literarische Selbstzerfleischung ist zu einem Exportartikel erster Güte geworden.

          Das Phänomen funktioniert nicht nur in Deutschland, in ganz Europa stöbern die Leserinnen gerne in diesen schwedischen Dunkelkammern, um am Ende, purgatorisch gesäubert, zum nächsten Schwedenhappen zu greifen. Das beste Beispiel liefert derzeit der Erfolg einer Romantrilogie, deren letzter Band auf vielen Bestsellerlisten vordere Plätze einnimmt: Stieg Larssons Achthundertfünfzigseiter "Vergebung". (Nicht zu verwechseln mit seinem Beinahe-Namensvetter, dem ein Jahr jüngeren Stig Larsson, dessen Bücher bei Ammann erscheinen.) Heyne hat von den drei Bänden bereits eine halbe Million Exemplare verkauft.

          Der Thriller-Autor Larsson, 1954 im ländlichen Umeå geboren, betrieb mit einer kleinen Truppe von Idealisten ein Magazin namens "Expo", das mit brisantem Enthüllungsjounalismus - vornehmlich in der rechten Szene recherchierend - keine große Auflage, wohl aber den einen oder anderen Skandal machte. Larsson hatte noch viel vor, als er den ersten Schwung eines großangelegten Romanzyklus mit dem Titel "Millenium" bei seinem Stockholmer Verlag ablieferte. Er konnte nicht ahnen, dass es mit den geplanten weiteren sieben Bänden nichts werden sollte. Im Alter von fünfzig Jahren erlag Larsson einem Herzinfarkt.

          Dass seine Romane thematisch das Schattenreich, in dem er sich berufsbedingt auskannte, beackern, liegt nahe. Dass sein Protagonist, der Journalist Mikael "Kalle" Blomkvist, autobiographisch geprägt ist, wundert auch nicht. Mit Feinheiten, mit psychologischer Finesse gar hält sich Larsson nicht auf. Von Anfang an drückt er aufs Tempo, wie sich das fürs Genre gehört. Das macht er souverän, auch wenn es - vor allem im vorliegenden dritten Band - an logischen Anschlussfehlern und Konstruktionsmängeln nicht fehlt. Nach einem wirklichen Lektorat sieht das alles nicht mehr aus, eher so, als wäre der Roman aus dem Computer direkt in die Druckerei gewandert. Larsson entfaltet ein schwedisches Gesellschaftspanorama in Cinemascope; die Hauptfiguren sind, mit Empathie geschildert, allesamt Frauen. Der mehrteilige Film zum Buch wird im Augenblick gedreht; er soll nächstes Jahr bei uns zu sehen sein. Im ersten Band "Verblendung" hatte Larsson seinen Helden in die Verstrickungen eines Familienkonzerns gejagt. Blomkvist überlebte nur mit knapper Not. Im zweiten Band ging es um Frauenhandel und die Rolle, die der schwedische Geheimdienst dabei spielt.

          Der dritte Band handelt nun von der Rettung und Rehabilitierung jenes Geschöpfes, für dessen Ausstattung Larsson am meisten Phantasie eingesetzt hat: Die Figur der Lisbeth Salander ist sein eigentlicher Geniestreich - ein Monster, das man gernhaben muss. Eine tätowierte, gepiercte, metrosexuelle Nahkampflesbe, aggressiv, asozial, dabei mathematisch hochbegabt und unter dem Tarnnamen "Wespe" eine Hackerin von Weltrang. Kein Schelm, wer dabei an die andere große Anarchistin der schwedischen Literatur denkt: Pippi Langstrumpf.

          Weil ihr Vater, ein vom schwedischen Geheimdienst mit neuer Identität versehener russischer Überläufer, die Mutter verprügelte, schlug die kleine Lisbeth zurück, indem sie den Vater mit einem Brandsatz im Auto zu töten versuchte. Ihre Jugend verbringt sie deshalb in psychiatrischer Sicherheitsverwahrung. Der zum Vormund bestellte Rechtsanwalt missbraucht sie, der Geheimdienst will sie ein für alle Mal aus dem Verkehr ziehen. Untergetaucht und mit einem im Internet ergaunerten Vermögen ausgestattet, kreuzt sie auf ihrem Rachefeldzug gegen die Institutionen den Lebensweg des Idealisten Blomkvist. Weil sie sich eine ganz kleine Schwäche für ihn leistet, rettet sie ihm in Band eins das Leben; und fortan stehen die beiden Erzählstränge bis zum Schluss immer parallel nebeneinander, zwei Schnellzüge, die auf einen Prellbock zurasen. An Paarbildung ist nicht zu denken.

          Dass man sich dieser bizarren Figur hingibt, ist die eigentliche Leistung des Erzählers. Salander ist in jeder Hinsicht der Gegenentwurf zu jener sozialstaatlichen Bürgerweltsfassade, hinter der Abgründe lauern. Dahin die Tage, als das Land noch als Vorbild taugen konnte, da ist sich Larsson mit seinen zeitgenössischen Kollegen einig. Schweden, eine der besten Demokratien? Ein ausgehöhlter Popanz.

          Wahrscheinlich deswegen richtet man sich in den gut zweitausend Seiten der Trilogie wie in einem Wohnzimmer ein. Doch jenseits aller Behaglichkeit des Bösen spürt man, dass hier einer mit einem Anliegen schreibt und es ihm nicht allein um Unterhaltung geht. Im Original war der erste Band "Männer, die Frauen hassen" betitelt. Die deutschen Titel zielen mit ihrer Bibelschielerei nicht völlig daneben, aber dem schreibwütigen Zeitdiagnostiker Stieg Larsson werden sie nicht ganz gerecht.

          HANNES HINTERMEIER

          Stieg Larsson: "Vergebung". Kriminalroman. Aus dem Schwedischen übersetzt von Wibke Kuhn. Heyne Verlag, München 2008. 848 S., geb., 22,95 [Euro].

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