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Ilse Aichinger : Schreiben müsste punktueller sein

  • -Aktualisiert am

Ilse Aichinger bei einer Veranstaltung im Frankfurter Städel, Oktober 1995 Bild: Barbara Klemm

Ilse Aichinger legte viel Wert auf Details. Dabei ist ihr Stil geprägt von einer präzisen Ungenauigkeit, die Raum für Fantasie lässt. Heute wäre sie 100 Jahre alt geworden. Auf erhellenden Umwegen wird sie mit einem Wörterbuch gefeiert.

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          Ilse Aichinger war eine Präzisionskünstlerin. Etwas aufschreiben hieß für sie: „Genau sein. Kleine Dinge beobachten. Details. Punkte.“ Der Punkt leitet über von der Beobachtung zum Schreiben, weil er nicht nur pointiert erfasste Einzelheit, sondern auch Satzzeichen ist. Genau sein heißt daher auch: jedes einzelne Wort sorgsam abzuwägen, noch bevor es mit anderen Wörtern Verbindungen eingeht.

          Erstirbt die Literatur dann nicht in Exaktheit? Nicht bei Ilse Aichinger, die es wie keine andere Autorin der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts verstand, mit der Genauigkeit einen poetischen Spielraum zu eröffnen. Sie benötigte dafür nicht viele und erst recht keine außergewöhnlichen Wörter. Ihre Kunst bestand darin, den einzelnen sprachlichen Elementen exakt den Raum für eine minimale, aber doch überraschende Wendung zu eröffnen. Pointiert zeigt sich dies in ihrer poetischen Reflexion „Schlechte Wörter“, die erstmals 1976 erschien: „Ich gebrauche jetzt die besseren Wörter nicht mehr. Der Regen, der gegen die Fenster stürzt. Früher wäre mir da etwas ganz anderes eingefallen. Damit ist es jetzt genug. Der Regen, der gegen die Fenster stürzt. Das reicht.“

          Die Apologetin der Genauigkeit plädiert fürs Vage? „Ich beginne eine Schwäche für das Zweit- und Drittbeste zu bekommen“, entdeckt sie im Anschluss. Wie präzise dieser vermeintliche Schwächeeinbruch doch gearbeitet ist, wenn das „eine Schwäche bekommen“ vielleicht doch weniger bedeutet, einen Leistungsabfall zu verspüren (sodass sie zu stürzen droht, wie der Regen stürzt?), als eine Neigung zu entfalten. Im Sinne solch präziser Ungenauigkeit kann das zweit- oder drittbeste Wort, das sich sonst hinter den treffenden Wörtern anstellen müsste, den beschriebenen Phänomenen einen poetischen Spielraum lassen. Erst dann entfaltet diese Wahl auch eine Widerstandskraft. Wenn stets „das Beste geboten“ sei, so Aichinger, so gehe es darum, sich mit der Wortwahl dem Gebot zu widersetzen.

          Viel Wertschätzung, gerade von Frauen

          Angesichts dieser Poetik „schlechter Wörter“ ist es eine überaus charmante Idee, Ilse Aichingers Leben und Werk zum 100. Geburtstag am kommenden Montag ausgerechnet mit einem Wörterbuch zu würdigen. Und diesem Kompendium zur Feier des Tages auch noch die einschlägige Miniatur „Schlechte Wörter“ voranzustellen. Handelt es sich etwa bei der Folge von „Atlantik, Auden, Augenblick, Beckett/Cioran, Beerensuchen, blau, Boden ohne Gewähr“ um zweit- oder drittbeste Wörter?

          „Ilse Aichinger Wörterbuch“. Herausgegeben von Birgit Erdle und Annegret Pelz.
          „Ilse Aichinger Wörterbuch“. Herausgegeben von Birgit Erdle und Annegret Pelz. : Bild: Wallstein Verlag

          Ungenau genug eröffnet das „Ilse Aichinger Wörterbuch“ also einen Beschreibungsraum, in den es sechzig ausgewiesene Aichinger-Experten einlädt, um sich von einzelnen Wörtern aus dem Leben und den Arbeiten der Autorin zu nähern. Die große Mehrheit dieser Kenner sind Literaturwissenschaftler, Professoren ebenso wie Nachwuchsforscher. Hinzu kommen einzelne Autorinnen (wie Uljana Wolf, Ann Cotten oder Yoko Tawada), Publizistinnen (wie Marie Luise Knott oder Teresia Prammer) und mit Mirjam Eich und Ruth Rix Tochter und Nichte von Ilse Aichinger. Drei Viertel der Beiträge stammen von Frauen (weil Aichinger von Männern weniger geschätzt wird? Das will man nicht hoffen).

          Furcht vorm nächsten Satzmonstrum

          Den handelsüblichen Streit über die Auswahl der insgesamt zweiundsiebzig Lemmata kann man sich sparen. Er ist durch den Verweis auf die „schlechten Wörter“ hinfällig. Obwohl Aichingers berühmteste Erzählung immer noch die „Spiegelgeschichte“ ist, fehlt der „Spiegel“. Dafür endet das Wörterbuch mit dem Lemma „zwei / Zwilling“. Immer auch im Gedenken an ihre Zwillingsschwester, die Wien 1939 mit einem Kindertransport ins Londoner Exil verlassen musste, sowie an ihre im KZ ermordete Großmutter formulierte Aichinger Sätze wie: „Den Ankünften nicht glauben, wahr sind die Abschiede.“ Dieses Wörterbuch setzt indes gerade nicht mit dem Lemma „Abschied“ ein, sondern stellvertretend für das Trennende zwischen den Schwestern mit dem „Atlantik“. Und zwar, um die Thematik später unter dem Begriff „Dover“ noch einmal neu zu entfalten. Dieses Wörterbuch setzt auf erhellende Umwege.

          Doch leider unterliegt auch die essayistische Beschreibungskunst unter Aichinger-Kennern der gaußschen Normalverteilung. Sicher, es gibt hervorragend geschriebene Vignetten. Aber die Spitze ist schmal und das Gefälle steil. Mit der Lektüre wächst die Furcht, hinter dem nächsten Punkt könnte ein Satzmonstrum lauern: „Der am 18. Mai 1946 im Wiener Kurier abgedruckte Kurztext ,Geliebter Feind‘ etabliert die für Ilse Aichingers gesamtes Schaffen kennzeichnende Beobachtungs- und Reflexionsposition der Randständigkeit mittels der Anschaulichkeit und Kürze einer im unmittelbaren Nachkrieg spielenden Straßenszene.“ Ist das noch präzise Ungenauigkeit?

          Ihre Literatur lebt weiter

          So bleibt man doch in doppelter Verrechnung gefangen. Ist es Aichingers Denken geschuldet, auf das Erstellen von Zusammenhängen zu verzichten? „Ich bin auch bei der Bildung von Zusammenhängen vorsichtig geworden“, heißt es in „Schlechte Wörter“. Oder wäre es nicht bedenkenswert gewesen, sich der (subversiven) Kraft von Querverweisen anzuvertrauen? Da arbeitet der Beitrag „Tag/Stunde/Zeit“ umsichtig heraus, dass Aichingers Stundenangabe in ihren Erzählungen „ähnlich wie der Augenblick auf eine Gegenwärtigkeit der Sprache im Hier und Jetzt der Lektüre abzielt“. Wenn schon ähnlich, dann wäre doch die direkte Verbindung zur „Denkfigur eines lebensspenden Augenblicks“ aus dem Artikel zum „Augenblick“ eine wunderbare Leseeinladung gewesen. Und wäre es nicht erhellend, einen direkten Kontakt zu Aichingers Aussage „Das Schreiben müsste punktueller sein“ herzustellen, den die Herausgeberin Birgit Erdle in ihrem Beitrag zitiert?

          Wer die zahlreichen Verbindungslinien zwischen den Punkten selbständig zieht, dem eröffnet dieser Band die Möglichkeit, sich Aichingers Literatur quer zu den Einzelwerken zu erschließen. Zwar fürchtete Ilse Aichingers Mann, Günter Eich, einst jene Dichter, die „zu nichts anderem wert“ seien, „als dass man sich über sie unterhält“. Aber vielleicht darf man es doch als ein gutes Zeichen deuten, wenn das Gespräch über Ilse Aichingers Literatur fünf Jahre nach ihrem Tod keineswegs abflaut. Sie hat – familienähnlich zu einem Autor wie Tomas Tranströmer – ein Präzisionswerk hinterlassen. Genau so ungenau, wie es nur wahrhaft große Literatur sein kann.

          „Ilse Aichinger Wörterbuch“. Herausgegeben von Birgit Erdle und Annegret Pelz. Wallstein Verlag, Göttingen 2021, 368 S., geb., 22,­– €.

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