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: Was hat sie bloß so ruiniert?

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Es geht ihnen nicht gut: den Frauen, deren Namen in den neuen Erzählungen von Anke Stelling immer mit einem "S" beginnen. Sie leiden stark. Vordergründig unter Liebeskummer, hintergründig unter einer seltsamen Lähmung, die sie ausgerechnet in der Mitte ihres Lebens ereilt. In der festen Überzeugung, ...

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          Es geht ihnen nicht gut: den Frauen, deren Namen in den neuen Erzählungen von Anke Stelling immer mit einem "S" beginnen. Sie leiden stark. Vordergründig unter Liebeskummer, hintergründig unter einer seltsamen Lähmung, die sie ausgerechnet in der Mitte ihres Lebens ereilt. In der festen Überzeugung, daß alles Schöne zwangsläufig "nach und nach zu Ende ging", hegen alle diese Frauen um die Dreißig keine besonderen Interessen - außer an Fernsehen und Männern. Da aber der Fernseher oft streikt und die Liebhaber sich noch öfter zieren, gerät die Existenz von "Silke" und "Sandra", von "Saskia" und "Sonja", von "Svenja" und sogar von "Simone" ins Trudeln und wird zu einer "schleichenden Verwahrlosung".

          Obwohl es doch zumindest Simone eigentlich ganz passabel getroffen hat mit ihrem Freund Hannes, der "gut und klug und immer frisch rasiert" ist und für "das späte Mädchen" eine richtig "glückliche Fügung" bedeutet, wie es in der Titelgeschichte heißt. "Da hast du ja wirklich ein Goldstück erwischt", gratuliert die Freundin, weil Hannes sich zu Simone bekennt, obwohl sie für ihn nur ein One-night-stand mit Folgen war. Denn Simone wurde versehentlich schwanger dabei. Hannes jedoch läßt sie nicht nur nicht sitzen, sondern kauft ihr sogar ein Auto und zieht zu ihr ins Reihenhaus mit Garten. Alles zum Besten für die werdende Mutter und ihr Kind. "Alles, was man sich nur wünschen konnte", wie auch Simone selbst verblüfft feststellt. Nur, daß sie eben nicht der Typ Frau ist, der nicht trotzdem ein Haar in der Suppe findet. Ihrem Hannes hängt sie prompt eine Affäre mit der Nachbarin an. Als sich dieser Verdacht nicht bestätigt, möchte sie ihren Mann dennoch verlassen. Schließlich, davon ist Simone überzeugt, ist Hannes einfach "zu gut" für sie.

          Tatsächlich klingt Stellings Buch leider nicht nur an dieser Stelle wie ein Prosanachklapp zu Paul Watzlawicks "Anleitung zum Unglücklichsein". Denn auch Sandra, Sonja, Svenja und Saskia halten sich stur an Simones Devise, lieber an einem alten Unglück festzuhalten, als sich auf neue Chancen einzulassen, die womöglich Enttäuschungen bergen. Stellings Königsweg für Frauen, nicht glücklich werden zu müssen, besteht darin, sich stets penibel nur in solche Männer zu verlieben, die garantiert nicht zum Prinzen taugen. Genau das tun ihre Protagonistinnen geflissentlich: Sandra belagert jemanden, der sich "von vorneherein weigerte". Svenja läuft einem Schwerenöter hinterher, der nicht treu sein kann. Sonja kommt von einem Bibelfanatiker nicht los, für den Frauen und Sex sowieso Sache des "Teufels" sind. Saskia heult sich die Augen für einen Künstler aus dem Kopf, der bei ihr "das Geheimnis in der Frau" vermißt. Und Silke schließlich hängt erfolglos ihrem Exfreund hinterher.

          Statt auf den plumpen Optimismus heutiger Boy-meets-girl-Märchen setzt Stelling, Absolventin des Literaturinstituts Leipzig, in puncto Geschlechterliebe strikt auf Schwarzmalerei. Schnell gewinnt man den Eindruck, als wollte die zuletzt als "Popliteratin" gelobte Autorin mit ihrem ersten eigenständigen Buch unbedingt einmal Ernsthaftigkeit beweisen. Schmerz allein aber bürgt noch nicht für Tiefgründigkeit - mag er auch noch so detailliert und gekonnt nüchtern erzählt sein.

          Hatte sich Stelling (zusammen mit dem Koautor Robby Dannenberg) in den zwei vorigen Romanen noch als einfühlsame Chronistin jugendlicher Liebesdebakel bewährt, gönnt sie ihrem Personal diesmal einfach zuwenig Grund für das Leiden. Alle ihre merkwürdig mutlosen Frauen haben im neuen Band bereits jede Hoffnung aufgegeben, bevor ihre Geschichte überhaupt anfängt. Ihr Liebeskummer wirkt entsprechend nur noch wie herbeizitiert. Wie ein willkommener Anlaß, sich endlich vollends der Lust am eigenen Untergang hinzugeben. Schließlich wissen Stellings Heldinnen generell nicht so recht, was sie sonst mit ihrem Leben anfangen sollten. Oder, wie Saskia es einmal ausdrückt: "Irgendwas muß (man) ja tun den lieben, langen Tag."

          Schon bald schwelgen die Figuren dann allerdings derart in Düsternis, daß es ihren Episoden nicht nur an Überraschungen mangelt, sondern die Trostlosigkeit stellenweise auch arg konstruiert wirkt. Im Supermarkt "heult" sehr oft in diesem Buch "irgendwo ein Kind". Und selbst die Klospülung muß sinnschwer versagen: "Es krachte und fauchte, Wasser kam keins." Die Umgebung paßt stets zu einer zerrütteten Seelenlandschaft. Kein Wunder, daß sich eine namenlose Defätistin an anderer Stelle da gleich den Big Bang wünscht: "Wenn doch nur mal wieder Krieg wäre mit Bomben, die das hier ratzfatz wegknallen würden", räsoniert sie bitter. Besonders schockierend oder gar spannend aber lesen sich solche Jammerbekenntnisse nicht. Eher wie Bankrotterklärungen ehemals verwöhnter Wohlstandskinder, die sich nach Führung und Abwechslung sehnen - und denen die Hamburger Band "Die Sterne" einst eine Pophymne schrieb: "Warst du nicht fett und rosig, warst du nicht glücklich?" heißt es in diesem Song, der auf den Refrain endet: "Was hat dich bloß so ruiniert?" Diese Frage würde man Stellings jungen larmoyanten Frauen auch einmal gern stellen.

          GISA FUNCK

          Anke Stelling: "Glückliche Fügung". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004. 186 S., br., 10,- [Euro].

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