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: Was bleibt, sind Herz, Schmerz, Einsamkeit und Tränen

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Eine Frau, die sie nicht kennt, ruft sie an und teilt ihr mit, dass eine Frau, die sie beide nicht kennen, sie bittet, ein Buch über sie zu schreiben. Mit dieser Verschachtelung begann die Schriftstellerin Hanna Krall Ende der achtziger Jahre ihre Reportage "Eine Story für Hollywood". Izolda Regensberg, die ...

          Eine Frau, die sie nicht kennt, ruft sie an und teilt ihr mit, dass eine Frau, die sie beide nicht kennen, sie bittet, ein Buch über sie zu schreiben. Mit dieser Verschachtelung begann die Schriftstellerin Hanna Krall Ende der achtziger Jahre ihre Reportage "Eine Story für Hollywood". Izolda Regensberg, die unbekannte Unbekannte, polnische Jüdin, hat "den Krieg" (welch ein Euphemismus!) durch tausend unglückliche und glückliche Fügungen überlebt und hätte das ihr Widerfahrene gerne niedergeschrieben, ein Roman "voller Herz, Schmerz, Einsamkeit und Tränen" - und Hanna Krall sollte die Ghostwriterin sein, weil sie etwas von den Juden und der Liebe verstehe.

          Tatsächlich verfasste Hanna Krall damals eine literarische Reportage über die Schwierigkeiten beim Schreiben von Überlebensgeschichten, in der sie die Geschichte der Izolda R. wie nebenbei erzählte: Warschauer Getto, Umschlagplatz, arische Seite, Gestapo, Auschwitz, Wien und Guben lauteten die Stationen. Im Zentrum der Reportage standen scheinbar Fragen an das Erzählen: Etwas Besseres als Borowski und Primo Levi kann man nicht schreiben, räsonierte sie. Wie sollte sie denen in Hollywood die Mauer und den Typhus erklären? Wie konnte es angehen, dass ihr eine "großartige Szene" (Izolda betet im Gefängnis, dass ihre Schwiegermutter möglichst schnell erschossen wird) mehr bedeutete als der einzelne Tod? Wie beginnt eine "Story" für Hollywood?

          Mit dieser Reportage hatte die Spezialistin der kleinen Form, Hanna Krall, wie wir heute wissen, vor zwanzig Jahren eine Spur zu dem Roman "Herzkönig" gelegt, der nun erschienen ist. Doch der von Izolda R. gewünschte Schmelz ist, wie nicht anders zu erwarten, ausgeblieben. "Herzkönig" beginnt mit dem Tag, da die Liebe begann: "Anfang des Krieges". Genaueres erfährt man nicht. Beim Besuch einer Freundin trifft Izolda R. einen jungen Mann "mit glattem goldenem Haar". Auch die Hände "schimmern golden". Eine Erscheinung. Eigentlich wollte sich die Protagonistin nur kurz bei der Freundin die Schnürsenkel in die Schuhe fädeln, doch: "Das Einfädeln zieht sich. Nach einer Stunde sagt Szajek: Du hast Augen wie die Tochter eines Rabbiners. Nach zwei Stunden fügt er hinzu: eines zweifelnden Rabbiners." Die Freundin ist erbost: "Umbringen sollte ich dich." So verschränkt sich der Tod gleich auf der ersten Seite mit der Liebe. Hanna Krall, die als Kind den Holocaust überlebte, hat dem Journalismus des (realsozialistischen) Willens ihren ganzen Wirklichkeitssinn entgegengesetzt. Seit dreißig Jahren erzählt sie Geschichten von Menschen und davon, wie deren Leben von der (großen) Geschichte berührt wurde. So arbeitet die gelernte Journalistin an der Bewahrung des kollektiven Gedächtnisses. Viele Geschichten wurden ihr im Laufe der Jahre erzählt, doch nur wenn "hinter einer Geschichte noch ein Geheimnis steckt", kann sie darüber schreiben, sagt sie.

          Diese banale und doch so essentielle Voraussetzung jedes Kunstschaffens hat die Autorin auch formal beherzigt. Das "Geheimnis" der Izolda R., ist, um es schnell zu sagen, die Kraft der Liebe. "Als das mit dem Umschlagplatz und den Transporten losging, begriff Izolda R., wozu sie da war. Sie war da, um ihren Mann zu retten", hieß es in der Reportage lapidar. Im Roman sind alle Sinne der Izolda R. auf diese ihre Wette gegen den Krieg ausgerichtet: Sie muss überleben, damit ihr Mann überlebt. Tatsächlich muss sie sich in vielen Gestalten (Krankenschwester, Schmugglerin) retten, wie man erfährt, und auch viele Male gerettet werden, doch von der Liebe erfährt man nichts. Kein Kuss, keine Berührung, nur einmal eine Erinnerung: Ihr Knie sehnt sich nach seiner Hand.

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