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: Was bleibet aber, machen die Dichter ein

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Die Moderne schüchtert uns nicht mehr ein, und die Postmoderne ist so alltäglich geworden, dass sich niemand mehr nach ihr umdreht. Vielleicht werden wieder die alten Möbel und jungen Nervositäten aktuell. An die Wünschbarkeit von Manieren hat uns unlängst ein äthiopischer Prinz erinnert. Aufs Fressen folgt nicht mehr zwanghaft die Moral, sondern ein erneuerter Geist der Kochkunst.

          Die Moderne schüchtert uns nicht mehr ein, und die Postmoderne ist so alltäglich geworden, dass sich niemand mehr nach ihr umdreht. Vielleicht werden wieder die alten Möbel und jungen Nervositäten aktuell. An die Wünschbarkeit von Manieren hat uns unlängst ein äthiopischer Prinz erinnert. Aufs Fressen folgt nicht mehr zwanghaft die Moral, sondern ein erneuerter Geist der Kochkunst. Gilt das neuerdings auch für die Literatur?

          Jan Wagner, vom Jahrgang 1971, könnte ein Beispiel abgeben. Er ist unter den jungen Lyrikern derjenige, der mit Form und Tradition nicht bloß kokettiert, sondern Ernst macht. Jan Wagner hat mit "Probebohrung im Himmel" (2001) und "Guerickes Sperling" (2004) bewiesen, dass er formbewusst, anspielungsreich und elegant dichten kann.

          "achtzehn pasteten" lautet der Titel seines neuen Buches. Das legt nahe, dass Wagner den Genuss nicht scheut und nicht den Vorwurf des Kulinarischen. Immerhin macht er den biedermeierlichen Freiherrn von Rumohr zum Eideshelfer des eigenen Metiers. Über den titelgebenden Zyklus des Bandes setzt er einen Satz aus Rumohrs "Geist der Kochkunst": "Es lässt sich alles Ersinnliche zu Pasteten verwenden, und in der Zusammensetzung derselben kann ein braver Koch recht deutlich zeigen, dass er Einbildungskraft und Urteil besitzt."

          Natürlich zielt Wagner mit solchen Pasteten auf ein traditionsreiches literarisches Genre, auf "pastiche" und "pasticcio", die ihre Herkunft aus den entsprechenden nationalen Küchen nicht verleugnen. Auch hier geht es um das Nachkochen, um die Mischung der Zutaten. Literarisch meint das: Stilnachahmung als Mystifikation oder Huldigung. Proust sah solche Imitation als "Purgativ". Er schrieb seine pastiches, um seinen persönlichen Stil zu finden. Man weiß, mit welchem Erfolg.

          Und Jan Wagner? Mit welchem Recht spricht er von Pasteten? Was füllt er als "braver Koch" in welche Formen? Wie groß ist die Skala seiner Kochkunst? Wagners Repertoire ist beträchtlich. Es reicht vom Nachkochen bis zu eigenständigen Kreationen. Er scheut nicht das Nachschreiben großer Vorbilder. Was auf den ersten Blick verblüffend einfach scheint, zeigt beim zweiten Lesen seine Raffinesse. So das Sonett vom "schläfer im wald". Man braucht nicht einmal das Rimbaud-Motto, um den Text als ein Remake des berühmten Sonetts "Le dormeur du val" zu erkennen. Rimbaud schrieb das Gedicht im Oktober 1870, während des Deutsch-französischen Krieges. Es zeigt den jungen Soldaten in Kraut und Gras wie schlafend - aber: "Il a deux trous rouges au côté droit." Georges Übersetzung macht aus den zwei Löchern eines: "auf der rechten ist ein rotes loch." Bei Wagner ist auch dieses verschwunden. Er schließt mit der Zeile: "ein rosenstrauß an seine brust gepresst." Einzig dieses Bild erinnert an die zugefügte Gewalt. Ästhetisierung des Schreckens? Erpresste Versöhnung? Wagner geht es um eine andere Nuance, um die Gleichgültigkeit der Natur, um "das kalte handwerk der natur".

          Diesem Handwerk setzt er das eigene entgegen. Es ist nicht minder um Kälte, um Distanz bemüht. "Dinge machen aus Angst" - das war einst Rilkes Devise. Jan Wagner nimmt das existentielle Vibrato völlig weg. In seinen Ding-Gedichten ist er ein kluger, mit heiterer Neugier ausgestatteter Beobachter. Zuschauen ist ihm Genießen, Beschreiben reiner Genuss. Skepsis dient als Regulativ. Wagner kann mit Autoritäten umgehen, ohne an ihnen Schaden zu nehmen.

          Kauen, dass es kracht.

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