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: Warnung vor einem Meisterwerk

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Nicht oft trifft man auf ein Buch, für das man keine literarische Kategorie parat hat. Es entzieht sich jeder Leseerwartung, die Einordnung in "hohe" oder "niedere" Literatur mißlingt. Ist man durch - und zwar nicht ohne Widerstand, aber ohne aufhören zu können -, dann spürt man, daß man doch mit dem Gelesenen nicht ins reine gekommen ist.

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          Nicht oft trifft man auf ein Buch, für das man keine literarische Kategorie parat hat. Es entzieht sich jeder Leseerwartung, die Einordnung in "hohe" oder "niedere" Literatur mißlingt. Ist man durch - und zwar nicht ohne Widerstand, aber ohne aufhören zu können -, dann spürt man, daß man doch mit dem Gelesenen nicht ins reine gekommen ist. Man wird mit ihm nicht "fertig". Tobias O. Meißners Roman "Das Paradies der Schwerter" ist deshalb nicht einfach ein weiteres Buch unter den vielen Neuerscheinungen, sondern es hat eine neue Möglichkeit des Romans erschlossen. Wer es liest, scheint zum Vertragspartner eines üblen Paktes geworden zu sein, aus dem er danach nur mit Mühe wieder aussteigen kann.

          Man könnte die Elemente benennen, mit denen Meißner gearbeitet hat, die comichaft übertriebene Grausamkeit, den Kitsch um Helden und gerettete Mädchen, den nihilistischen Witz, und hätte doch noch keine Formel für das Ganze gefunden. Fast überflüssig zu sagen, daß Meißners schriftstellerisches Können überragend ist.

          "Das Paradies der Schwerter" gibt genau das, was sein Titel verspricht: ein Maximum blutiger Schwertkämpfe. Natürlich liegt der Stoff gegenwärtig, mit Erfolgsfilmen wie "Kill Bill" oder dem dritten Teil des "Herrn der Ringe", im Trend. Und wenn die vermischten Meldungen nicht trügen, dann scheint auch in die Wirklichkeit des Verbrechens das archaische Instrument des Schwertes wieder Einzug zu halten. Auch an das kürzlich wieder einmal versuchte Comeback des alten Fechtmeisters Conan könnte man denken. Aber es gibt einen großen Unterschied zu den Schwerter-Schmökern der Vergangenheit: Conan hatte es mit Magiern zu tun, bei Meißner aber geht alles mit rechten Dingen zu. Will sagen: ökonomisch. Wenn dem nur mehr halb lebendigen Sieger ein Schwarm von Leuten nacheilt, die sich ihm als "Berater" andienen, dann weiß man, daß man nicht nur über ein vages Mittelalter unterrichtet wird, sondern über die Gegenwart.

          Ökonomie ist alles in jener "Befestigten Stadt", in der das große Turnier stattfinden soll. Wetten auf den Sieger nehmen in der Erzählung breiten Raum ein, man trifft auf Kopfgeldjäger. "Veranstalter Gillett" ist der Herr der "Hölzernen Arena", über ihm steht nur noch der Bischof, der den Gladiatorenkämpfen gewöhnlich seinen Segen gibt. Durchs Los wird bestimmt, wer von den sechzehn Helden gegen wen antritt. Überleben kann am Ende nur einer. Meißner läßt sich Zeit, ihren Weg in "die Befestigte" nachzuzeichnen. Da ist Saul, der seinen "Pflug" hinter sich herzieht wie vor vierzig Jahren Django seinen Sarg. Mancher versucht, in Sauls Spur die Zeichen zu lesen. Ein Mönch und ein Mädchen nehmen es mit einer Gruppe von Piraten auf. Zwei arme Brüder vom Land teilen sich beim Turnier ihr Schwert. Alam der Wilderer, von den Häschern des Herzogs gefangen, muß unter dessen gehaßten Farben kämpfen. Dann sind da noch Thruac der Gigant und der waffenlose japanische Kämpfer, der sich Nanimonia nennt - und das heißt soviel wie: gar nichts. Unvergeßlich auch der Stumme, der nicht nur ein gutes Kitsch-Herz, sondern auch einen Unterkiefer aus Holz sein eigen nennt.

          In diesem Stoff von fast unerträglicher Monotonie überrascht die Erfindung immer neuer Variationen. Alle Figuren sind übertrieben, aber alle überzeugen. Jeder hat ein anderes Motiv, am Losturnier von Veranstalter Gillett teilzunehmen. Am Ende erweist es sich, daß sie abgrundtief dumm sind oder Kriegsgefangene, denen in die erhoffte Heimat kein anderer Ausweg winken wollte, oder Betrogene oder Besessene. Von Freiheit kann in dieser Welt, von der, wie es einmal heißt, der Himmel sich abwendet, keine Rede sein. Gelegentlich hört man vom Kampf gegen die Heiden, den man führe. Aber daran glaubt niemand mehr, und schon der erste Abschnitt stellt klar, in welcher Zeit wir leben: in einer, da "Kriege keinen Namen mehr brauchen und erst recht keinen Anlaß".

          Man fragt sich, was Meißners Roman über die lustvolle Abschilderung immer neuer Grausamkeiten hinaus eigentlich in Gang hält. Wenn das Buch sich resümieren läßt, dann am ehesten wohl als Geschichte der Selbstzerstörung eines Systems. Ein wenig erinnert "Das Paradies der Schwerter" deshalb an jene Maschine in Kafkas "Strafkolonie", die sich nach der letzten Hinrichtung in ihre Einzelteile auflöst. Am Ende des Paradieses der Schwerter weiß man, daß dieses Turnier das letzte gewesen ist, jedenfalls für Veranstalter Gillett und für alle, die anfangs dabei waren. Mag sein, daß der Bischof, dessen Abwesenheit von den Zuschauern als schlechtes Omen gewertet wird, künftig auf neue Veranstalter und Attraktionen setzt.

          Meißner hat ein triviales Muster zu einer nicht mehr überbietbaren literarischen Höhe gesteigert. Irgendwo zwischen Käpt'n Blaubär und dem Theater der Grausamkeit steht dieses Buch. Niemand wird es ohne Verstörung lesen können.

          Tobias O. Meißner: "Das Paradies der Schwerter". Eine Geschichte über Kampf, Zufall und das Gegenteil von Nichts. Verlag Eichborn Berlin, Frankfurt am Main 2004. 362 S., geb., 24,90 [Euro].

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