https://www.faz.net/-gr3-6laq9

Warlam Schalamow: Künstler der Schaufel : In der Hölle ist jeder sein eigener Sprengmeister

  • -Aktualisiert am

Bild: Matthes & Seitz

Dass sich in den Lagern des Stalinismus eine Gesellschaft selbst verstümmelte, ist durchaus im Wortsinn gemeint: Warlam Schalamows Erzählungen beschreiben den Menschen als Opfer der modernen Barbarei.

          5 Min.

          Es ist der andere Blick, der zählt. Keiner hat die Kriminellen in den Straflagern genauer beobachtet als er, doch mit anderen Augen als Solschenizyn, der seine Bewunderung für die straffe Organisation der Ganoven nicht verhehlen konnte. In Warlam Schalamows „Erzählungen aus Kolyma“ hingegen wird die Ganovenhierarchie nicht romantisiert. Er sah in ihr nur skrupellose Verbrecher am Werk und, politisch pikant, einen Abklatsch der auf Eigennutz bedachten Parteikader.

          Eine der gehätschelten Infamien des sowjetischen Lagersystems bestand darin, brutale Kriminelle die „Klassenfeinde“ und „Intellektuellen“, kurz: die nach Artikel 58 (“antisowjetische Propaganda“) verurteilten „Politischen“, drangsalieren zu lassen. Ihre ungemütliche Nachbarschaft war Teil der Repression, die Ganoven wurden zu Komplizen der Lagerleitung. In der offiziellen Logik zeichneten sich Diebe und Mörder durch eine gewisse „soziale Nähe“ zum Proletariat aus, die „Volksfeinde“ jedoch galt es auszumerzen. Die Vergehen der „Politischen“ waren in den meisten Fällen fiktiv, die Vernichtungsmaschinerie der Terror-Jahre 1937/1938 konnte jeden erfassen. Bei Schalamow selbst lag wenigstens ein gewisses „Verbrechen“ vor: Im Jahr 1927, zur Zeit der Entmachtung Trotzkis und der Unterdrückung jeder Opposition, soll er bei einer Demonstration ein Schriftband mit der Parole „Nieder mit Stalin“ gehisst haben.

          Der 1907 im nordrussischen Wologda geborene, 1982 in einer Moskauer Nervenheilanstalt verstorbene Autor verbrachte siebzehn Jahre in der Lagerhölle am nordostsibirischen Fluss Kolyma. Schalamow kannte die von Goldgruben und Zinnbergwerken ausgespuckte „menschliche Schlacke“ aus nächster Nähe. Er war selbst ein ausgehungerter „Docht“, wie es im Lagerjargon hieß, und blieb es in schreibender Vergegenwärtigung noch in der „Freiheit“, in der er nie wieder wirklich Fuß fassen konnte.

          Weitere Kreise der Kolyma-Hölle

          Der neue Band „Künstler der Schaufel“ der von Gabriele Leupold exzellent übersetzten Schalamow-Werkausgabe führt weitere Kreise der Kolyma-Hölle vor. Schalamow ist längst zu einem Dante des 20. Jahrhunderts geworden, einem Dante aus dem Reich des Permafrostbodens: ohne Aussicht auf ein ofenwarmes Purgatorium und noch weniger auf ein gleißendes, besterntes Paradies.

          Wer glaubt, das Inferno aus den beiden vorangegangenen Bänden (“Durch den Schnee“ und „Linkes Ufer“) bereits zu kennen, muss irren. Dieser Autor täuscht jede simple Erwartung, das vermeintlich Bekannte bekommt fortwährend neue Schattierungen. Seine lakonischen Erzählungen sind unvorhersehbar, sprunghaft, dicht. Erst mit der rückwirkenden Explosion abrupter Schlüsse ergießt sich ein prekäres Licht auf die Abgründe.

          Vor Hunger und Elend halb verrückt

          Mitten unter den Kolyma-Erzählungen findet sich als unerwartetes Einsprengsel „Das Kreuz“, eine Erinnerung an Schalamows Eltern. Es ist die Geschichte eines durch Hunger, Glauben und gegenseitige Fürsorge aneinandergeketteten Paares. Der erblindete Vater war Priester, der bei der erneuten Kampagne gegen die Kirche im grausamen Jahr 1929 jede Lebensgrundlage verliert. Zwischen den Eheleuten stehen drei Ziegen, um die sich alles dreht. Die Mutter versucht die Milch zu verkaufen, doch Nahrung und Unterhalt der Tiere verschlingen mehr, als sie einbringen.

          Der Vater wiederum will ihr diesen Lebenssinn nicht wegnehmen. Vor Hunger schon halb verrückt, kramt der Geistliche - Möbel und Trauringe sind längst verkauft - ein winziges Kruzifix mit goldener Christusfigur hervor. Der Priester zerschlägt das Kreuz mit einem Beil, um das bisschen Gold zu Brot zu machen, und mit der bestürzenden Frage: „Ist denn darin Gott?“ Die Erzählung ist eine der anrührendsten der russischen Literatur, sie endet - typisch für Schalamow - ohne Aufschrei und abrupt mit der Öffnungszeit der offiziellen Läden, wo Wertsachen eingetauscht werden konnten.

          Eine gewaltige Gedächtnisleistung

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Angela Merkel und Generalsekretär Paul Ziemiak beim digitalen Parteitag der CDU am Freitagabend.

          CDU-Parteitag : Die Kanzlerin spart sich das Lob

          Zu Beginn des CDU-Parteitags gibt es viel Schulterklopfen für die scheidende Vorsitzende Kramp-Karrenbauer – nur Angela Merkel spricht lieber über ihre eigenen Leistungen. Und Markus Söder vom spannenden Aufstieg.
          Trauer allerorten: In Brasielien nehmen die Totenzahlen zu.

          Chaos in Manaus : Brasilien von tödlicher Corona-Welle getroffen

          Den Krankenhäusern in Brasiliens Amazonas-Metropole Manaus geht der Sauerstoff aus. Schwerkranke Patienten werden nun per Charter-Maschine ausgeflogen. Und auch landesweit schnellen die Todeszahlen in die Höhe.
          Freundinnen: Luisa und Sophie wohnen zusammen in Frankfurt. Beide verdienen Geld mit Pornovideos, die sie selbst aufnehmen.

          Studentin in Geldnot : Pornos drehen für den Master

          Luisa besucht eine Hochschule im Rhein-Main-Gebiet und verkauft Sexvideos, um ihr Studium zu finanzieren. Sie sagt, das fühle sich dreckig an. Doch der Geldmangel habe sie dazu getrieben, und andere Nebenjobs sind ihr zu zeitaufwendig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.