https://www.faz.net/-gr3-7jxgn

Warlam Schalamow: Das vierte Wologda und Erinnerungen : Die Schlacht wird seit Jahrhunderten geführt

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag Matthes & Seitz

Seine „Erzählungen aus Kolyma“ gehören wie die Werke Alexander Solschenizyns zu den wichtigsten Zeugnissen des GULags. Jetzt erscheinen Warlam Schalamows Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend im Moskau der zwanziger Jahre.

          Als es Zeit wurde, die Uhr zu verkaufen, in den Jahren der Not, stellte sich heraus, dass sie nicht aus Gold, sondern nur vergoldet war. Ein Grund wohl, weshalb sie Revolution, Hunger, Krieg und vierzehn Jahre sibirischen GULag an der Kolyma überdauerte. Ihr Besitzer, der Schriftsteller Warlam Schalamow, kehrte nach fast zwei Jahrzehnten aus diesem letzten Kreis der Hölle, einem „Auschwitz ohne Öfen“, wie es später hieß, nach Moskau zurück. Die Uhr hatte einst seinem Vater gehört, einem orthodoxen Geistlichen, und war vermutlich das einzige Relikt aus der Kindheit, das Schalamow bis zu seinem Tod 1982 in einer psychiatrischen Klinik begleitete. In seinen in den sechziger und siebziger Jahren entstandenen Erinnerungen taucht sie auf, als etwas, das, wie er liebevoll schreibt, noch immer bei ihm lebt.

          Als Chronist der stalinistischen Lagerwelt findet Warlam Schalamow erst heute, mehr als drei Jahrzehnte nach seinem Tod, die seinem Werk gebührende Anerkennung. Es gehört zum Kanon der Weltliteratur des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine nun als abschließender Band der insgesamt sechsbändigen deutschsprachigen Werkausgabe erschienenen Erinnerungen an Kindheit und Jugend im nordwestrussischen Wologda und an das Moskau der zwanziger und dreißiger Jahre geben einen Einblick in die soziale und geistige Atmosphäre, der er entstammt und die ihn prägte.

          Was das Volk den Intellektuellen zu verdanken hat

          Verfasst sind diese zum Teil Fragment gebliebenen Texte aus der radikalen Sicht eines, wie er selbst schrieb, „Teilnehmers an einer riesigen verlorenen Schlacht um eine wirkliche Erneuerung des Lebens“. Diese Schlacht wird in Russland seit Jahrhunderten geführt, und im provinziellen Wologda, wo der Fluss zu bestimmten Jahreszeiten rückwärts zu fließen scheint, trafen zu Beginn des Jahrhunderts – Schalamow wurde 1907 geboren – zahlreiche ihrer Akteure aufeinander.

          Wologda sei die Stadt der „dörflichen Erwerbsgier“, eines bäuerlichen Russlands, dessen Idealisierung in der Tradition des neunzehnten Jahrhunderts, allen voran durch Tolstoi, Schalamow stets vehement ablehnte. Er erinnert sich mit Widerwillen daran, wie nach der Revolution schmatzende Bauern mit ihren schmutzigen Filzstiefeln als neuernannte Herren durch die elterliche Wohnung marodierten und mitnahmen, was sie kriegen konnten. Die Stadt war auch eine des orthodoxen Glaubens, der Kirchen und Kathedralen. Iwan der Schreckliche wollte sie einst zur russischen Hauptstadt ernennen, weil er die Moskauer Intrigen fürchtete. Bis ihm der Überlieferung nach bei einem Besuch in Wologda ein Ziegelstein aus der Decke einer ihm zu Ehren allzu rasch errichteten Kathedrale den Zeh zerschmetterte. Für Schalamow besitzt jeder Mensch nur einen begrenzten Vorrat an religiösen Gefühlen, der einem Chagrinleder gleich schrumpfe. Der seine sei seit Kindertagen erschöpft.

          Warlam Schalamow mit 19 Jahren als Student des „sowjetischen Rechts“ an der Ersten Moskauer Universität

          Der Schriftsteller identifiziert sich retrospektiv mit den Verbannten, mit jenen oppositionellen Sozialrevolutionären und Intellektuellen, für die Wologda eine Transitstation in ihrem der Erneuerungsschlacht gewidmeten entbehrungsreichen Leben bedeutete. Diese Dissidenten prägten nicht nur eine Atmosphäre der Freidenkerei, ein Klima, in dem „die Kategorie der Zukunft“, wie utopisch und dogmatisch sie auch geklungen haben mag, die entscheidende Rolle spielte. Und sie brachten nicht nur Ideelles in die Stadt, sondern auch Praktisches in Form von Schulen oder Bibliotheken, die sie der Stadt am Ende ihres Exils hinterließen. Sie gründeten Volkslesesäle, Kooperativen und Fabriken. Das Volk, so Schalamow, stehe in der Schuld dieser Intellektuellen und nicht umgekehrt, wie es Ideologen von Tolstoi über die radikale Bewegung des Volkswillens bis hin zu Lenin stets behaupteten.

          Weitere Themen

          Neue Helden Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Spiderman - A New Universe“ : Neue Helden

          Schon wieder Spiderman? - Ja, aber anders. Es geht um die großen Themen, wie immer. Aber die Erzählweise hat sich geändert. Wie das geht und ob sich das auszahlt, hat Elena Witzeck analysiert.

          Topmeldungen

          Französische Gefährder-Datei : Attentate trotz „Vermerk S“

          Wie der mutmaßliche Angreifer von Straßburg waren auch die Attentäter von „Charlie Hebdo“ oder vom Bataclan in der französischen Sicherheitsdatei „fichier S“ als Gefährder vermerkt. Anschläge konnten sie trotzdem verüben – trotz verdeckter Überwachung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.