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Neues von Walter Moers : Der größte Dichter wartet im Sumpf

Wie kriegen wir ihn da nur wieder raus? Der im Drachenmaul gefangene Buchling Hildegunst von Mythenmetz kann auf seine Freunde zählen. Bild: Walter Moers

Vom Leser zum Dichter: In Walter Moers’ neuem Zamonien-Roman „Der Bücherdrache“ dringt ein junger Abenteurer in die tiefsten Katakomben seiner Stadt ein. Was er dort findet, verändert ihn für immer.

          Er hatte es kommen sehen, nun sitzt er wirklich in der Falle: Weil er sich neugierig in die tiefsten Katakomben der Unterwelt von Buchhaim aufmachte, um der Legende vom dort vermuteten Bücherdrachen auf den Grund zu gehen, sitzt der Buchling Hildegunst von Mythenmetz nun im Drachenmaul fest, direkt hinter den Vorderzähnen des riesigen Untiers, so dass er gerade noch einen Blick auf die sumpfige Umgebung erhaschen kann. Dass er noch lebt, verdankt er einzig dem plötzlichen Schlafbedürfnis des Drachen, der seine Kiefer dabei aber fest geschlossen hält. Eine Galgenfrist – nach diesem Schlaf, so hatte es der Drache verkündet, wird es dem Buchling an den Kragen gehen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Buchhaim, Buchling, Hildegunst von Mythenmetz: Wer den Roman „Der Bücherdrache“ unvorbereitet aufschlägt, wird all das zunächst verwirrend finden. Wer dagegen das literarische Werk von Walter Moers kennt, das seit zwanzig Jahren, beginnend mit „Die dreizehneinhalb Leben des Käpt’n Blaubär“, den fiktiven Kontinent Zamonien in immer neuen Facetten beschreibt, der weiß, dass Buchhaim eine Stadt der Verleger, Autoren und Drucker ist und dass ihr in alle Richtungen, vor allem aber vertikal ausgedehnter Untergrund ein gigantisches Tunnelsystem voller Bücher in unterschiedlichen Stadien der Zersetzung darstellt.

          Unter den Lebewesen, die es bevölkern, sind es die Buchlinge, denen, so scheint es, Moers’ besondere Liebe gilt: Es sind Kopffüßler mit zwei Armen und Beinen sowie einem einzigen Auge, das ihnen an einem langen Hals aus dem Rumpf wächst. Sie ernähren sich – so steht es in Moers’ Roman „Die Stadt der träumenden Bücher – allein von Lektüre, wobei ihnen starkbändige Romane beschwerlich sind und Gedichte eine dann willkommene Diät. Schlechte Rezensionen dagegen hinterlassen einen üblen Nachgeschmack.

          „Träumte ich dieses Buch oder träumte das Buch mich?“

          Die Hingabe der Buchlinge an die Texte anderer geht so weit, dass sich jeder von ihnen den Namen eines realen Dichters wählt und dessen Gesamtwerk auswendig lernt. Der im Drachenmaul gefangene Buchling nennt sich Hildegunst von Mythenmetz, nach demjenigen Autor in Lindwurmgestalt also, dem Walter Moers die Urheberschaft der Romane zuschreibt, die er selbst dann erst aus dem Zamonischen übersetzt haben will.

          Auch „Der Bücherdrache“ stamme von Hildegunst von Mythenmetz, heißt es, das Abenteuer des Buchlings aber, der sich einst seinen Namen ausborgte, befindet sich als ausgedehnte Binnenhandlung unter einer Schicht von Erzählungen. Der Dichter Hildegunst, das Original, berichtet von einem Traum, in dessen Verlauf er entweder nach der Lektüre eines Buches geraten war oder in dem er umgekehrt ein Buch vorgefunden hatte, das er nun im Traum las. „Träumte ich dieses Buch“, fragt er sich nun, „oder träumte das Buch mich?“

          Er kommt nun an einer Reihe von Bildern vorbei, die an Abenteuer erinnern, die er in „Die Stadt der träumenden Bücher“ beschrieben hatte, bis hin zur Begegnung mit dem düsteren Schattenkönig, wird dann aber – die nächste Erzählschicht – in ein „noch abgründigeres Buch verschleppt, tief in die zamonische Literatur“. Dort trifft er endlich den Buchling, der seinen Namen trägt und ihm nun als Dank für die vielen Geschichten aus Mythenmetz’ Feder, die er auswendig gelernt hat, nun „eine eigene Geschichte“ erzählen will, aber nicht recht weiß, wie.

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