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Walter Kempowskis „Echolot“ : Die Archive des Grauens

Abschluss des Echolot-Projekts: „Abgesang '45” Bild: Verlag

Auch für Walter Kempowski ist mit der Vollendung des „Echolot“ eine Geschichte zu Ende gegangen. Erst dieses Mammutunternehmen brachte ihm jene Anerkennung, die man ihm lange Jahre aus zweifelhaften ideologischen Unterströmungen heraus versagt hatte. Von Hannes Hintermeier.

          Die Frage ist: Warum stecke ich soviel Energie in das ,Echolot' und dessen Verwandte? Es ist ein Gefühl für Gerechtigkeit. Ich habe den Eindruck, daß man der Generation, die in diese Zeit hineingeboren ist, nicht gerecht geworden ist.“

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Als sich Walter Kempowski diese Frage im Oktober 1992 stellt, steht das Projekt eines kollektiven Tagebuchs schon in seinem fünfzehnten Jahr - und nur noch ein Jahr vor Veröffentlichung der ersten, hymnisch begrüßten Lieferung. Nun, zwölf Jahre und zehn Bände später, liegt mit dem „Abgesang '45“ der Schlußstein der monumentalen Collage vor. Man kann das durchaus als Aufforderung nehmen; selbst Leser, die mit dem „Echolot“ nicht vertraut sind, kämen mit diesem Band sofort zurecht. Denn hier, so scheint es, hat der Konzentrationsgrad seine höchste Verdichtung erfahren. Kempowski beschränkt sich in vier Kapiteln auf fünf Tage, die das Ende des „Dritten Reiches“ und des Zweiten Weltkrieges markieren: der 20., 25. und 30. April, sowie die Tage des Kriegsendes, 8. und 9. Mai.

          Kempowskis Suchscheinwerfer

          Das Montageverfahren aus bekannten und unbekannten Quellen, aus Tagebüchern, Dokumenten, Briefen, Memoiren ist gleichgeblieben, sein Effekt hat sich jedoch nicht abgenutzt. Man hat gegen ein solche Aufbereitung des Materials eingewendet, sie erkläre zu wenig, ordne und strukturiere nicht genug. Dahinter steht die falsche Annahme, Kempowski wolle irgend etwas beweisen. Er will aber nur zeigen, und dieses „nur“ hat es in sich. Es ist die eigentliche Auswahlleistung des Sammlers, der als Schriftsteller agiert, der Textfunde so montiert, als seien sie unverrückbare Bausteines eines Bildes, dessen Komposition nur der Künstler kennt. Wir folgen keinem Historiker, sondern einem von der Sprache Besessenen, der die Stimmen der Toten hört und ihnen Raum gibt.

          Kempowskis Suchscheinwerfer leuchtet zu Beginn den letzten Geburtstag des „Führers“ aus: Hitler im Bunker zu Berlin, langsam, aber sicher in Agonie versinkend. Seiner Sekretärin erklärt er, er brauche sie gesund, weil er eine Widerstandsbewegung gründen wolle. Während Goebbels in seiner Geburtstagsrede noch ein letztes Mal den ganzen Irrsinn seiner Phraseologie vorführt - „Er soll uns bleiben, was er uns ist und immer war - unser Hitler!“ - spielt jener mit einem Welpen namens „Wolf“, während Reichsmarschall Göring ziemlich durchsichtig an seinem Abgang arbeitet.

          „Verspreche mir, daß Du Dich erschießt“

          Die Russen stehen vor der Tür, sie dringen mit jeder Stunde weiter auf Berlin vor. Im Hotel Adlon wird derweil noch Betrieb gespielt; der belgische Kommandeur der Waffen-SS Léon Degrelle, der nach dem Krieg als Geschäftsmann in Spanien lebte, notiert ungerührt über ein spätes Abendessen im Adlon: „Es war wirklich schön. Die Haltung der Deutschen, ihre Selbstbeherrschung und das Gefühl für Disziplin bis in die sonderlichsten Einzelheiten hinein und bis zum letzten Augenblick werden für alle, die das Ende des Dritten Reichs erlebt haben, eine großartige menschliche Erinnerung bleiben.“

          Mit der Selbstbeherrschung ist es aber in der Bevölkerung nicht mehr allzuweit her. Aus Angst vor der Roten Armee wählen Tausende den Freitod. Der einundzwanzigjährigen Friederike Grensemann sagt der Vater: „Es ist aus, mein Kind, verspreche mir, daß Du Dich erschießt, wenn die Russen kommen, sonst habe ich keine ruhige Minute mehr.“ Andere versuchen mit letzter Kraft, den Lebensfaden nicht abreißen zu lassen. Die Todesmärsche sind in vollem Gange, die Konzentrationslager werden befreit und das Grauen, das sich den Soldaten dort bietet, ist, wie der britische Lieutenant Michael Gow notiert, „der entsetzlichste Anblick, den ich je gesehen habe oder je sehen werde.“

          Der Obersalzberg zerstiebt

          In Mailand schwadroniert zur gleichen Stunde Mussolini in einem Interview, daß ein „unbeirrbarer Junger“ kommen und die Mission des Faschismus erfüllen werde - ganz ähnlich im Wortlaut wie Hitler, der wenige Tage später in seinem politischen Testament angeben wird, er habe wohl dem deutschen Volk zuviel zugemutet; es sei noch nicht reif gewesen.

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