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Walter Kappacher: Die Amseln von Parsch und andere Prosa : Der Mann, den Peter Handke nicht kannte

  • -Aktualisiert am

Bild: Müry Salzmann Verlag

Und von Thomas Bernhard träumte: In seinem neuen Prosaband lässt sich Walter Kappacher in die Karten schauen.

          Mit Sammlungen von Prosatexten, die im Laufe von Jahrzehnten entstanden sind, festigt ein Autor seinen Ruf, muss aber zumeist für die Vielseitigkeit der Prosastücke deren ungleiches Gewicht in Kauf nehmen. Das gilt auch für Walter Kappachers Band „Die Amseln von Parsch und andere Prosa“, zumal wenn der Autor das Wagnis eingeht und sogar das gestrichene Kapitel eines früheren Buches nachreicht. Den Leser überzeugt zwar die Darstellung einer Wiederbegegnung mit einer toskanischen Gebirgslandschaft, in der das Domizil von der Natur zurückerobert worden ist - aber das Kapitel hängt notwendig in der Luft.

          Der Büchner-Preisträger des Jahres 2009 bekennt seine Bewunderung für Jean Paul, entdeckt bei ihm schon Vorwegnahmen des inneren Monologs und des Surrealismus, macht aber nicht recht deutlich, warum er von dem Klassiker zwar angezogen, aber zugleich abgestoßen ist. Eine besondere Kraft der Phantasie indes teilt Kappacher mit Jean Paul. Einer der poetischsten Texte ist die Titelgeschichte „Die Amseln von Parsch“, die ihren spielerischen Reiz aus dem Nachahmungstrieb von Papagei und Amsel bezieht. Sie erreicht ihren Höhepunkt, als der Erzähler am Morgen durch eine Tonfolge aus Schuberts Zyklus „Die schöne Müllerin“ geweckt wird, sich auf einen Wettbewerb mit den balzenden Amseln einlässt und am Ende nur noch bedauert, dass seinen literarischen Versuchen weit weniger Resonanz zuteil wurde.

          Moderne Version von Goethes „Zauberlehrling“

          Während der Autor hier den Leser durch Selbstironie für sich einnimmt, hätte sich etwas mehr ironische Distanz und weniger Ehrfurcht denken lassen, wo es ihm um das Verhältnis zu den österreichischen Schriftstellern Peter Handke und Thomas Bernhard geht, deren Wohlwollen ihm zunächst so wichtig war. „Woher sollte er mich kennen?“ heißt sein Bericht über erste Begegnungen mit Handke; seit 1970 schrieb er morgens alle Träume auf, zumal die über Thomas Bernhard. Kappacher selbst zählte eben nicht zu den Schriftstellern, die gleich von Fan-Gruppen umlagert waren. Vielmehr hatte er „Wahnsinnsjahre“ des Frondienstes in einem Reisebürokonzern zu durchstehen.

          Dennoch widersteht er der Versuchung, sich in idyllische Gefilde der Innerlichkeit zurückzuziehen. Seine moderne Version von Goethes „Zauberlehrling“ demonstriert den fahrlässigen Umgang mit Gefahren des Atomzeitalters an einem Weihnachtsgeschenk für Jugendliche, der Spielzeugform eines „Schnellen Brüters“ mit einem Fläschchen „gasförmigen Urans“. Selbst ein heftiger Knall und starke Rauchentwicklung werden die Experimentierlust nicht aufhalten. In einer Literaturmarkt-Satire nimmt Kappacher sodann eine Tendenz des Literaturbetriebs, mit Zauberworten wie „Innovation“ zu punkten, ins Visier. Angeblich gefunden worden ist ein unbekanntes Werk von James Joyce. 398 leere Seiten sollen symbolisch darauf verweisen, dass unsere Kultur über kurz oder lang ohne Gedrucktes auskommen werde. Selbst die Hiobsbotschaft wird noch vermarktet.

          Porträt einer Emigrantenexistenz

          Ein Beispiel für die fatale Anziehungskraft von Werbeidolen ist der Bericht über die Salzburger Jahresaufführung des „Jedermann“ von 2010. Als nach Schluss der Aufführung die Schauspieler an die Rampe traten, um den wohlverdienten Applaus des Publikums entgegenzunehmen, drängten sich hektisch die Kamerateams zwischen die Darsteller und die erste Zuschauerreihe. Warum? Hier saß mit seiner roten Kappe der vom Unfall gezeichnete Rennfahrer Niki Lauda. Fanale wie diese erklären die tiefe Kulturskepsis Kappachers.

          Bewegend sind seine Erinnerungen an den österreichischen Biochemiker und Schriftsteller Erwin Chargaff, der vom Hitlerregime ins Exil getrieben wurde und an der Columbia University in New York lehrte, aber seine Sommerferien in der Schweiz und in Österreich verbrachte. Eine Freundschaft entstand, so dass Chargaff im Jahr 2000 Kappacher nach New York einlud. Aus Czernowitz, einem Zentrum jüdischen Lebens in der alten Donaumonarchie kommend, sprach Chargaff ein gepflegtes Altwienerisch. Bei einem Gespräch im Central Park bekannte er, nie in einer Synagoge gewesen zu sein, weil der Mensch kein Bauwerk brauche, um Gott nahe zu sein. Er war ein Emigrant, der in seinem Beruf erfolgreich war und dem doch das letzte Glück fehlte. In einer Umgebung, in der alles geheime Streben auf den Nobelpreis gerichtet ist, fühlte er von Kollegen bestohlen. Auf achtzehn Seiten gelingt Kappacher ein sehr persönliches und doch exemplarisches Porträt einer Emigrantenexistenz.

          Kulturkritisches Mosaik

          Gegen Schwerpunkte wie diesen sich zu behaupten, haben es einige literarische oder Landschaftsskizzen schwer. Unkonventionell sind die „autobiografischen Notizen“. „Ich erinnere mich.“ Kappacher hält sich nicht an eine strenge Chronologie der Lebensabläufe, sondern zeichnet bruchstückhafte Erinnerungen auf, wie sie, scheinbar zufällig, wieder gegenwärtig werden. So überschneiden sich Lebens- und Bewusstseinsabläufe. Was entsteht, ist keine kontinuierliche Erzählung, sondern ein Erzählmosaik aus Lebensmomenten und -perspektiven.

          Gemischt sind im Schlussteil „Eigenes und Angeeignetes“ Zitate, Beobachtungen und Reflexionen. Zitate stehen nie ohne Bezug da; sie verraten Zustimmung, aber auch Abweisung, dienen also der Selbstvergewisserung. In teilweise aphoristischer Form tritt Kappacher in Distanz zu den immer mehr sich beschleunigenden gesellschaftlichen und vor allem kulturellen Entwicklungen. So entsteht nicht ein autobiografisches, sondern ein kulturkritisches Mosaik von großer Lebendigkeit.

          Was macht die Lektüre der besten Texte Walter Kappachers so fesselnd und was den Autor so sympathisch? Die anschauliche Konkretheit der Sprache und die Abwesenheit von Eitelkeit und Schielen nach Spektakulärem.

          In seinem Heft „Der 24. Mai“, soeben im Keicher Verlag, Warmbronn, erschienen, hat Kappacher ein akribisches Protokoll seiner Erlebnisse im letzten Drittel der Maitage 2009 vorgelegt. Den Anstrengungen einer Tagung der Darmstädter Akademie in Berlin folgen die Strapazen einer ganz fahrplanwidrigen Bahnreise zu einer Lesung in Tübingen und die freudige Überraschung der Nachricht, dass ihm der Büchner-Preis zuerkannt worden ist - ein Ereignis, das die Unruhe der Tage erst richtig in Fahrt bringt. Bald wird er seiner Frau den Auftrag geben, den Telefonhörer einfach nicht mehr abzuheben.

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