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Walter Kappacher: Die Amseln von Parsch und andere Prosa : Der Mann, den Peter Handke nicht kannte

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Porträt einer Emigrantenexistenz

Ein Beispiel für die fatale Anziehungskraft von Werbeidolen ist der Bericht über die Salzburger Jahresaufführung des „Jedermann“ von 2010. Als nach Schluss der Aufführung die Schauspieler an die Rampe traten, um den wohlverdienten Applaus des Publikums entgegenzunehmen, drängten sich hektisch die Kamerateams zwischen die Darsteller und die erste Zuschauerreihe. Warum? Hier saß mit seiner roten Kappe der vom Unfall gezeichnete Rennfahrer Niki Lauda. Fanale wie diese erklären die tiefe Kulturskepsis Kappachers.

Bewegend sind seine Erinnerungen an den österreichischen Biochemiker und Schriftsteller Erwin Chargaff, der vom Hitlerregime ins Exil getrieben wurde und an der Columbia University in New York lehrte, aber seine Sommerferien in der Schweiz und in Österreich verbrachte. Eine Freundschaft entstand, so dass Chargaff im Jahr 2000 Kappacher nach New York einlud. Aus Czernowitz, einem Zentrum jüdischen Lebens in der alten Donaumonarchie kommend, sprach Chargaff ein gepflegtes Altwienerisch. Bei einem Gespräch im Central Park bekannte er, nie in einer Synagoge gewesen zu sein, weil der Mensch kein Bauwerk brauche, um Gott nahe zu sein. Er war ein Emigrant, der in seinem Beruf erfolgreich war und dem doch das letzte Glück fehlte. In einer Umgebung, in der alles geheime Streben auf den Nobelpreis gerichtet ist, fühlte er von Kollegen bestohlen. Auf achtzehn Seiten gelingt Kappacher ein sehr persönliches und doch exemplarisches Porträt einer Emigrantenexistenz.

Kulturkritisches Mosaik

Gegen Schwerpunkte wie diesen sich zu behaupten, haben es einige literarische oder Landschaftsskizzen schwer. Unkonventionell sind die „autobiografischen Notizen“. „Ich erinnere mich.“ Kappacher hält sich nicht an eine strenge Chronologie der Lebensabläufe, sondern zeichnet bruchstückhafte Erinnerungen auf, wie sie, scheinbar zufällig, wieder gegenwärtig werden. So überschneiden sich Lebens- und Bewusstseinsabläufe. Was entsteht, ist keine kontinuierliche Erzählung, sondern ein Erzählmosaik aus Lebensmomenten und -perspektiven.

Gemischt sind im Schlussteil „Eigenes und Angeeignetes“ Zitate, Beobachtungen und Reflexionen. Zitate stehen nie ohne Bezug da; sie verraten Zustimmung, aber auch Abweisung, dienen also der Selbstvergewisserung. In teilweise aphoristischer Form tritt Kappacher in Distanz zu den immer mehr sich beschleunigenden gesellschaftlichen und vor allem kulturellen Entwicklungen. So entsteht nicht ein autobiografisches, sondern ein kulturkritisches Mosaik von großer Lebendigkeit.

Was macht die Lektüre der besten Texte Walter Kappachers so fesselnd und was den Autor so sympathisch? Die anschauliche Konkretheit der Sprache und die Abwesenheit von Eitelkeit und Schielen nach Spektakulärem.

In seinem Heft „Der 24. Mai“, soeben im Keicher Verlag, Warmbronn, erschienen, hat Kappacher ein akribisches Protokoll seiner Erlebnisse im letzten Drittel der Maitage 2009 vorgelegt. Den Anstrengungen einer Tagung der Darmstädter Akademie in Berlin folgen die Strapazen einer ganz fahrplanwidrigen Bahnreise zu einer Lesung in Tübingen und die freudige Überraschung der Nachricht, dass ihm der Büchner-Preis zuerkannt worden ist - ein Ereignis, das die Unruhe der Tage erst richtig in Fahrt bringt. Bald wird er seiner Frau den Auftrag geben, den Telefonhörer einfach nicht mehr abzuheben.

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