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Walter Erhart: Wolfgang Koeppen : Verstummt zu sein klingt anders

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Bild: Verlag

Der Kontrast von Ankündigung und Vollendung: Nun ist Walter Erharts Studie über den Fall Wolfgang Koeppen erschienen

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          Bereits 1961, sieben Jahre nach Erscheinen des Romans „Der Tod in Rom“, postulierte Marcel Reich-Ranicki den „Fall Koeppen“. Wie konnte es kommen, dass der einst so produktive Autor, der seine drei berühmten bundesrepublikanischen Romane in wenigen Jahren schuf, auf einmal verstummt war? In den fünfunddreißig folgenden Jahren sollte sich an diesem Befund nichts mehr ändern: Bis zu seinem Tod im Jahr 1996 trat Koeppen mit keinem Roman mehr hervor. Und wer gedacht hatte, der vielberedete und versprochene Roman verberge sich im Nachlass und lediglich publizistische Skrupel hätten sein Erscheinen verhindert, sah sich nach dem Ableben Koeppens getäuscht. Der reichhaltige Nachlass enthält vieles, aber kein auch nur annähernd druckreifes Romanmanuskript.

          Die Erklärungen für diesen eklatanten Kontrast von Ankündigung und Vollendung laufen im Kern auf zwei Modelle hinaus. Zum einen bemüht man Koeppens prekäre biographische Situation, vor allem seinen Ehealltag, um praktische Hinderungsgründe für einen kontinuierlichen Schreibprozess zu finden. Einige der inzwischen publizierten Briefwechsel, etwa der mit seiner Ehefrau Marion oder mit dem Verleger Siegfried Unseld, scheinen diese Sichtweise zu untermauern, wobei man Koeppen durchaus auch eine wiederholte Täuschung Unselds hinsichtlich seines jeweiligen Arbeitsfortgangs unterstellen kann. Eine eher theoretische und für Koeppen ungleich schmeichelhaftere Erklärung zielt auf innere, ästhetische Gründe: Demnach sei Koeppen zunehmend an der Erzählbarkeit der Welt verzweifelt und habe sich durch seine modernistische Schreibweise selbst in eine Sackgasse manövriert.

          Der große Roman

          Walter Erhart, der lange Jahre das Wolfgang-Koeppen-Archiv in Greifswald leitete, rekapituliert in seiner Studie anfangs diese beiden für ihn schon „legendarischen“ Sichtweisen, um dann mit einem Blick auf die literarische Moderne und den Nachlass Koeppens eine eigene Thesenbildung vorzunehmen. Er hält den vielbeschworenen und sehnlichst erwarteten Roman weder für eine bloße Finte Koeppens, noch lässt er andere literarische Formen wie die Reisebücher oder das Fragment „Jugend“ als dessen Substitut gelten, weshalb man, wie manchmal spitzfindig gemeint wird, gar nicht von einem verstummten Autor sprechen könne, sondern setzt den großen Roman vielmehr ins Zentrum seiner Überlegungen. Dieser sei in allen Jahren das Ziel von Koeppens Wollen als Autor gewesen, und die anderen publizierten Texte ließen sich allesamt in sein Umfeld einordnen.

          Erhart geht dabei so weit, die bundesrepublikanische Romantrias lediglich als Nebenwerk zu bezeichnen, die den längst geplanten großen Roman wenn nicht verhindert, so doch zumindest verzögert hat. Dieser sei gedacht gewesen als Mischung eines Generationen-, Gesellschafts- und Entwicklungsromans mit autobiographischen Zügen, der einen weiten Bogen vom neunzehnten Jahrhundert bis zur Gegenwart schlagen sollte. All die kolportierten und zum Teil bereits in Verlagsvorschauen auftauchenden Romantitel wie die Palette autobiographischer Erkundungen, die teilweise in dem Buch „Jugend“ gesammelt wurden, sieht er als Teil dieses Gesamtkomplexes an. Koeppen habe sich also nicht in verschiedenen Romanprojekten verzettelt und stets nur Neues angefangen, statt Altes zu vollenden, sondern stets an dem gleichen, wenn auch extrem weitgefassten Text geschrieben.

          Erkenntnisse aus dem Nachlass

          Als Grund für das Scheitern macht Erhart die sich diametral widersprechenden Erzählweisen aus, die Koeppen parallel vorgeschwebt seien: zum einen der auf Unmittelbarkeit abzielende „stream of consciousness“, der alles der Gegenwart unterwirft und an die modernistische Tradition seiner Romane seit „Tauben im Gras“ anknüpft, und zum anderen ein auktorialer Erzählstil, der chronologisch sukzessive, also gleichsam traditionell erzählt. Eingehend zeigt Erhart, wie intensiv Koeppen die eigene Erzählstimme reflektiert und sich dabei auch mit modernen Theorieansätzen, etwa dem französischen „Nouveau Roman“, auseinandergesetzt hat. Darüber hinaus ist für ihn das Scheitern Koeppens aber auch symptomatisch für den Entwicklungsgang der modernen Literatur überhaupt, weshalb eine Flut von Gewährsleuten, seien es Romanautoren oder Theoretiker, aufgerufen und einbezogen werden.

          Damit überlastet Erhart sein Buch oder setzt es bei manchen Referenzen dem Vorwurf der Beliebigkeit aus - eine Gesamtgeschichte der Moderne hat seine intensive Betrachtung des Koeppen’schen Werkes nicht nötig. Die stärksten Partien hat das Buch da, wo Erhart aus der Fülle seiner Nachlasskenntnisse schöpft und überraschende Querverbindungen durch sämtliche Werkteile und -epochen herstellt. Das letzte Wort im „Fall Koeppen“ ist damit aber vermutlich noch nicht gesprochen.

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