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: Wärmelampen für Island

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Man muss jedem eine Chance geben. Selbst einem Autor, über den der Klappentext informiert: Er habe Texte für Björk geschrieben. Er sei der "innovativste und aufregendste Autor Islands". Eines Landes also, das sich von der Einwohnerzahl mit Wiesbaden oder Karlsruhe misst und das sich, seit Snorri Sturluson ...

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          Man muss jedem eine Chance geben. Selbst einem Autor, über den der Klappentext informiert: Er habe Texte für Björk geschrieben. Er sei der "innovativste und aufregendste Autor Islands". Eines Landes also, das sich von der Einwohnerzahl mit Wiesbaden oder Karlsruhe misst und das sich, seit Snorri Sturluson (1178 oder 1179 bis 1241) nicht mehr unter uns weilt, mit Erfolg auf die künstlerische Verwaltung der vorhandenen, heimischen Knorrigkeit spezialisiert, was Isländern noch stets einen satten Exotenbonus verschafft hat.

          Die Kreise sind klein in Island. Da Sjóns Gedichte dort veröffentlicht wurden, weht ihn also auch eine Ahnung von Nobelpreis an, tanzt er also in einem Reigen mit Snorri und Halldór Laxness. Ein solcher findet dann gut auch mal in der weiten Welt da draußen Gehör. Für "Schattenfuchs" erhielt er 2005 den Literaturpreis des Nordischen Rates, nun ist er ins Deutsche übersetzt, und die Kritik hat ihn mit herzlicher Wärme aufgenommen, ohne dass man am Ende der Kritik so richtig verstanden hatte, womit er sich die Wärme verdient hatte.

          Verstanden hatte man nur dieses: Der innovativste und aufregendste Autor Islands hatte einen Roman geschrieben, der sich mittels aufgebrochener Linearität um formale Modernität bemühte, während er inhaltlich gern tief in die Mottenkiste des isländischen Erbes sowie menschlichen Mitleids griff: mythische Elemente und wilde Natur, nostalgisches Setting im neunzehnten Jahrhundert, holzschnittartige Figuren; größtmöglicher Druck auf die Tränendrüse: im Kern der Geschichte finden wir ein bemitleidenswertes Geschöpf mit einem goldenen Herzen, nicht ganz unähnlich jener tölpeligen Selma, welche Björk in Lars von Triers "Dancer in the Dark" gab, jenem Film, dessen Songtexte eben auch Sjón schrieb.

          Im Roman ist dieser Frauentypus noch ein paar Drehungen weiter hinuntergelassen worden in den Brunnenschacht des Unglücks: Diese Hafdís kommt mit dem Downsyndrom auf eine naturbelassene Welt, in der man eine wie sie für gewöhnlich direkt nach der Geburt ersticken würde. Sie aber überlebt - um dem Buch ein möglichst schweres Gravitationszentrum zu verschaffen. Erst wird sie vernachlässigt. Dann wird sie von ihrem Vater verkauft. Dann wird sie wie ein Tier in einem Schiffsbauch gehalten. Von der Mannschaft gewohnheitsmäßig vergewaltigt. Erleidet Schiffbruch. Und landet - natürlich - wieder an isländischen Gestaden. Um dort dann, in der Obhut einer guten Seele, zu Ende zu leben.

          Wobei ihr Leben eigentlich überhaupt nicht interessiert. Fürs Buch muss sie nur, mit dem rasch wegerzählten schweren Schicksal beladen, sterben. Damit der Autor in die Vollen gehen kann. Ihrem Tod auf dem Fuße folgt nämlich das Erscheinen einer urzotteligen, "erdschwarzen" Füchsin - auf dem Umschlagbild hinreißend sinnfrei von einem gewöhnlichen Rotfuchs vertreten -, und die soll wohl als eine "Fylgja" zu verstehen sein, ein altnordischer Totengeist, der die Seele des verstorbenen Menschen in Tierform repräsentiert.

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