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W.G. Sebalds „Austerlitz“ als Hörspiel : Kein Entkommen aus der falschen Welt

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Bild: MDR/Der Hörverlag

Vom Schauen durch einen gläsernen Berg: Stefan Kanis hat W. G. Sebalds letzten Roman „Austerlitz“ in ein gekonntes Hörspiel verwandelt.

          4 Min.

          Der Anfang des Hörspiels „Austerlitz“ nach dem gleichnamigen Roman von W. G. Sebald ist beklemmend. Man hört eine gespenstisch verzerrte Kinderstimme, die Nachnamen auflistet und wie aus weiter Ferne langsam näher kommt, unterlegt vom manischen Ticken einer Uhr und einem immer greller werdenden, lange anhaltenden, einzelnen Ton, dessen Fortissimo in das kalte, metallene Geräusch einer zuschlagenden Waggontür mündet. Dann herrscht einen Moment absolute Stille, bevor Ulrich Matthes anhebt zu erzählen, wie er, ein unruhig und grundlos Reisender, an einem strahlenden Frühsommertag in den späten sechziger Jahren in den Antwerpener Bahnhof einfährt. In der Wartehalle trifft er erstmals auf Austerlitz, jene gespenstische, melancholische Figur, ein Entwurzelter des düster getönten Jahrhunderts, unbehaust in der Sprache wie in den von ihm erwanderten Straßen.

          Räume entstehen, in denen man atmen und sich umschauen kann, in denen einem auch einmal der Atem stockt. Stefan Kanis, der mit der Verwandlung dieses formgewandten Romans durchaus ein Wagnis eingeht, ist sich der Gratwanderung zwischen zu viel und zu wenig Effekt bewusst. Und so entsteht schon bald ein Sog, drängender womöglich als beim Lesen des Romans, der sich aus wichtigen Gründen gegen zu große Bequemlichkeit sperrt.

          “Austerlitz“ erschien 2001. Im selben Jahr kam der 1944 im Allgäu geborene Sebald, der als Literaturwissenschaftler in England lebte, bei einem Autounfall ums Leben. Wann immer es um die Schwierigkeit der Aufarbeitung von Vergangenheit geht, wird der Roman zitiert. Er ist raffiniert gearbeitet, mit einmontierten Fotografien, Skizzen, Fahrplänen, Kontrollkärtchen, die eine ganz eigene Geschichte erzählen, und mit einer ausgeklügelten Erzählstruktur. Ästhetische Diskurse über Baustile schieben sich ein. Oft gibt einer der beiden abwechselnd erzählenden Hauptfiguren Informationen anderer in verschachtelten Rückblenden wieder.

          Archivierte Rückblende der Rückblende

          Ganz allmählich stößt man in die Vergangenheit vor und erfährt, warum Austerlitz sich seit je fremd fühlt. Zum Zeitpunkt der Begegnung hat er den Beruf als Kunsthistoriker bereits hinter sich gelassen, seine Aufzeichnungen im Garten kompostiert. Sprache als Träger von Wahrheit ist ihm obskur. Unruhig und von Schlaflosigkeit geplagt lässt er sich durch die Straßen treiben. Eines Tages aber klafft seine frühe Vergangenheit plötzlich auf: Als Kind, so findet er heraus, gelangte er mit einem Sondertransport während des Zweiten Weltkrieges aus Prag nach Wales, wo er bei einem wortkargen Pfarrerspaar aufwuchs. Die rückwärtsgewandte Eleganz der Sätze, das hartnäckige Benennen von Dingen, durch welche wir mit einem Ruck und allen Sinnen in die Vergangenheit katapultiert werden, mildert immer wieder das Sperrige, das dieses Ringen um Identität mit all seinen Ab- und Ausschweifungen mit sich bringt. Wie eine notgedrungen schwergängige Maschine entblößen Sebalds Sätze nach und nach den Kern des Dramas.

          Was der Roman durch Bildmontage und Verschachtelung schafft, kompensiert das Hörspiel mit Kurzcollagen, die rechtzeitig wegbrechen, um die erzählerischen Passagen freizustellen: elektronisch erzeugte, dumpfe Basstöne; eine helle Spieluhr oder der monotone Leerlauf einer hängengebliebenen Langspielplatte; unterschiedlich hallende Räume, die geöffnet oder geschlossen werden nach geheimem Plan; Eisenbahnrattern oder verzerrte Toneinlagen, die zwanghafte Bewegungsabläufe spiegeln. Kaum vernehmbar ist das Sprechen manchmal unterlegt mit Bandgeräuschen, so dass die Rückblende der Rückblende selbst wie archiviert wirkt. Ulrich Matthes spricht nicht nur sachlich als der Dokumentator, als welchen man seine Figur oft interpretiert, sondern eher mit einem leicht fragenden Gestus. Einige Passagen klingen gedämpft und fremd wie hinter einem Schleier. So wird das Drängende hörbar, das man beim Lesen nur imaginieren kann. Matthes erinnert daran, dass auch das Zuhören und Aufnehmen einer solchen Geschichte wie die von Austerlitz ein anstrengender Akt ist.

          Die verschüttete Vergangenheit von Austerlitz quillt hervor in einem Antiquariat, das er regelmäßig besucht. Einmal hört er dort aus einem Radio Frauenstimmen, die von den Transporten erzählen, mit welchen sie selbst nach England gelangten. Ortsnamen werden genannt, eine Fährfahrt wird beschrieben. Wie bei einem Flashback, einer Nachhallerinnerung, schießt in Austerlitz ein Fragment ein. Er sieht sich am Quai warten in einer langen Zweierreihe von Kindern mit Rucksäcken und Tornistern, vor seinen Füßen „die mächtigen Quader, der Glimmer im Stein, das graubraune Wasser im Hafenbecken, die schräg aufwärts laufenden Taue und Ankerketten, den mehr als haushohen Bug des Schiffes, den durch die Wolken brechenden Sonnenstrahl“.

          Eine sprachliche Straffung, die der Roman bisweilen verwehrt

          Ernst Jacobis von Lebenserfahrung gesättigte Stimme strahlt eine wie über die Jahre mühsam antrainierte Ruhe und Abgeklärtheit aus, mit edlem, britischem Akzent, den er manchmal einsetzt, um etwa den Direktor der Schule zu imitieren. An entscheidenden Stellen transportiert sie Emotion und Gebrochenheit ohne jegliches Pathos. Berührend auch Rosemarie Fendel als Kinderfrau Vêra, die Austerlitz Teile seiner Vergangenheit schenkt, in warmen, mütterlichen Erzählbögen, als wäre ihr alles noch gegenwärtig: „Wenn einem die Erinnerung kommt, glaubt man mitunter, man sähe durch einen gläsernen Berg in die vergangene Zeit.“

          Was im Roman die durchgehaltene Vergangenheitsform bewirkt, nämlich eine unheimliche, auch unkontrollierbare Distanz zu dem Erzählten, gelingt dem Hörspiel durch sensible Regie, und so hört man förmlich durch diesen gläsernen Berg, wie eine Lebensgeschichte neu und immer wieder neu geschrieben wird. Die Straffung des Textes verleiht eine Spannung, die der Roman bisweilen mit Absicht verwehrt. Regisseur Kanis und sein Team haben sich nicht verführen lassen, jedes sich anbietende, erzählte Detail lautmalerisch zu unterlegen. Und so erinnert Austerlitz’ Fragen und Suchen bisweilen tatsächlich an den Waschbären aus dem Tiergarten, der zu Anfang geschildert wird, „wie er mit ernstem Gesicht beim Bächlein saß und immer wieder denselben Apfelschnitz wusch, als hoffe er, durch dieses, weit über jede vernünftige Gründlichkeit hinausgehende Waschen entkommen zu können aus der falschen Welt, in die er gewissermaßen ohne sein Zutun geraten war.“

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