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W.G. Sebalds „Austerlitz“ als Hörspiel : Kein Entkommen aus der falschen Welt

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Bild: MDR/Der Hörverlag

Vom Schauen durch einen gläsernen Berg: Stefan Kanis hat W. G. Sebalds letzten Roman „Austerlitz“ in ein gekonntes Hörspiel verwandelt.

          Der Anfang des Hörspiels „Austerlitz“ nach dem gleichnamigen Roman von W. G. Sebald ist beklemmend. Man hört eine gespenstisch verzerrte Kinderstimme, die Nachnamen auflistet und wie aus weiter Ferne langsam näher kommt, unterlegt vom manischen Ticken einer Uhr und einem immer greller werdenden, lange anhaltenden, einzelnen Ton, dessen Fortissimo in das kalte, metallene Geräusch einer zuschlagenden Waggontür mündet. Dann herrscht einen Moment absolute Stille, bevor Ulrich Matthes anhebt zu erzählen, wie er, ein unruhig und grundlos Reisender, an einem strahlenden Frühsommertag in den späten sechziger Jahren in den Antwerpener Bahnhof einfährt. In der Wartehalle trifft er erstmals auf Austerlitz, jene gespenstische, melancholische Figur, ein Entwurzelter des düster getönten Jahrhunderts, unbehaust in der Sprache wie in den von ihm erwanderten Straßen.

          Räume entstehen, in denen man atmen und sich umschauen kann, in denen einem auch einmal der Atem stockt. Stefan Kanis, der mit der Verwandlung dieses formgewandten Romans durchaus ein Wagnis eingeht, ist sich der Gratwanderung zwischen zu viel und zu wenig Effekt bewusst. Und so entsteht schon bald ein Sog, drängender womöglich als beim Lesen des Romans, der sich aus wichtigen Gründen gegen zu große Bequemlichkeit sperrt.

          “Austerlitz“ erschien 2001. Im selben Jahr kam der 1944 im Allgäu geborene Sebald, der als Literaturwissenschaftler in England lebte, bei einem Autounfall ums Leben. Wann immer es um die Schwierigkeit der Aufarbeitung von Vergangenheit geht, wird der Roman zitiert. Er ist raffiniert gearbeitet, mit einmontierten Fotografien, Skizzen, Fahrplänen, Kontrollkärtchen, die eine ganz eigene Geschichte erzählen, und mit einer ausgeklügelten Erzählstruktur. Ästhetische Diskurse über Baustile schieben sich ein. Oft gibt einer der beiden abwechselnd erzählenden Hauptfiguren Informationen anderer in verschachtelten Rückblenden wieder.

          Archivierte Rückblende der Rückblende

          Ganz allmählich stößt man in die Vergangenheit vor und erfährt, warum Austerlitz sich seit je fremd fühlt. Zum Zeitpunkt der Begegnung hat er den Beruf als Kunsthistoriker bereits hinter sich gelassen, seine Aufzeichnungen im Garten kompostiert. Sprache als Träger von Wahrheit ist ihm obskur. Unruhig und von Schlaflosigkeit geplagt lässt er sich durch die Straßen treiben. Eines Tages aber klafft seine frühe Vergangenheit plötzlich auf: Als Kind, so findet er heraus, gelangte er mit einem Sondertransport während des Zweiten Weltkrieges aus Prag nach Wales, wo er bei einem wortkargen Pfarrerspaar aufwuchs. Die rückwärtsgewandte Eleganz der Sätze, das hartnäckige Benennen von Dingen, durch welche wir mit einem Ruck und allen Sinnen in die Vergangenheit katapultiert werden, mildert immer wieder das Sperrige, das dieses Ringen um Identität mit all seinen Ab- und Ausschweifungen mit sich bringt. Wie eine notgedrungen schwergängige Maschine entblößen Sebalds Sätze nach und nach den Kern des Dramas.

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