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W.G. Sebalds „Austerlitz“ als Hörspiel : Kein Entkommen aus der falschen Welt

  • -Aktualisiert am

Was der Roman durch Bildmontage und Verschachtelung schafft, kompensiert das Hörspiel mit Kurzcollagen, die rechtzeitig wegbrechen, um die erzählerischen Passagen freizustellen: elektronisch erzeugte, dumpfe Basstöne; eine helle Spieluhr oder der monotone Leerlauf einer hängengebliebenen Langspielplatte; unterschiedlich hallende Räume, die geöffnet oder geschlossen werden nach geheimem Plan; Eisenbahnrattern oder verzerrte Toneinlagen, die zwanghafte Bewegungsabläufe spiegeln. Kaum vernehmbar ist das Sprechen manchmal unterlegt mit Bandgeräuschen, so dass die Rückblende der Rückblende selbst wie archiviert wirkt. Ulrich Matthes spricht nicht nur sachlich als der Dokumentator, als welchen man seine Figur oft interpretiert, sondern eher mit einem leicht fragenden Gestus. Einige Passagen klingen gedämpft und fremd wie hinter einem Schleier. So wird das Drängende hörbar, das man beim Lesen nur imaginieren kann. Matthes erinnert daran, dass auch das Zuhören und Aufnehmen einer solchen Geschichte wie die von Austerlitz ein anstrengender Akt ist.

Die verschüttete Vergangenheit von Austerlitz quillt hervor in einem Antiquariat, das er regelmäßig besucht. Einmal hört er dort aus einem Radio Frauenstimmen, die von den Transporten erzählen, mit welchen sie selbst nach England gelangten. Ortsnamen werden genannt, eine Fährfahrt wird beschrieben. Wie bei einem Flashback, einer Nachhallerinnerung, schießt in Austerlitz ein Fragment ein. Er sieht sich am Quai warten in einer langen Zweierreihe von Kindern mit Rucksäcken und Tornistern, vor seinen Füßen „die mächtigen Quader, der Glimmer im Stein, das graubraune Wasser im Hafenbecken, die schräg aufwärts laufenden Taue und Ankerketten, den mehr als haushohen Bug des Schiffes, den durch die Wolken brechenden Sonnenstrahl“.

Eine sprachliche Straffung, die der Roman bisweilen verwehrt

Ernst Jacobis von Lebenserfahrung gesättigte Stimme strahlt eine wie über die Jahre mühsam antrainierte Ruhe und Abgeklärtheit aus, mit edlem, britischem Akzent, den er manchmal einsetzt, um etwa den Direktor der Schule zu imitieren. An entscheidenden Stellen transportiert sie Emotion und Gebrochenheit ohne jegliches Pathos. Berührend auch Rosemarie Fendel als Kinderfrau Vêra, die Austerlitz Teile seiner Vergangenheit schenkt, in warmen, mütterlichen Erzählbögen, als wäre ihr alles noch gegenwärtig: „Wenn einem die Erinnerung kommt, glaubt man mitunter, man sähe durch einen gläsernen Berg in die vergangene Zeit.“

Was im Roman die durchgehaltene Vergangenheitsform bewirkt, nämlich eine unheimliche, auch unkontrollierbare Distanz zu dem Erzählten, gelingt dem Hörspiel durch sensible Regie, und so hört man förmlich durch diesen gläsernen Berg, wie eine Lebensgeschichte neu und immer wieder neu geschrieben wird. Die Straffung des Textes verleiht eine Spannung, die der Roman bisweilen mit Absicht verwehrt. Regisseur Kanis und sein Team haben sich nicht verführen lassen, jedes sich anbietende, erzählte Detail lautmalerisch zu unterlegen. Und so erinnert Austerlitz’ Fragen und Suchen bisweilen tatsächlich an den Waschbären aus dem Tiergarten, der zu Anfang geschildert wird, „wie er mit ernstem Gesicht beim Bächlein saß und immer wieder denselben Apfelschnitz wusch, als hoffe er, durch dieses, weit über jede vernünftige Gründlichkeit hinausgehende Waschen entkommen zu können aus der falschen Welt, in die er gewissermaßen ohne sein Zutun geraten war.“

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