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: Vor oder nach der Radkappe?

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Pfirsiche, die sich mühelos in zwei Hälften brechen lassen, der Lärm des Verkehrs, Schildkrötenspuren am Strand gehören zu einer Kindheit in Karachi. Die junge pakistanische Autorin Kamila Shamsie erzählt in ihrem ersten auf deutsch erschienenen Roman von nächtlichen Ausgangssperren, von der Millionenstadt am Arabischen Meer, in der sie selbst aufgewachsen ist.

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          Pfirsiche, die sich mühelos in zwei Hälften brechen lassen, der Lärm des Verkehrs, Schildkrötenspuren am Strand gehören zu einer Kindheit in Karachi. Die junge pakistanische Autorin Kamila Shamsie erzählt in ihrem ersten auf deutsch erschienenen Roman von nächtlichen Ausgangssperren, von der Millionenstadt am Arabischen Meer, in der sie selbst aufgewachsen ist. Sie gehört zu den südasiatischen Intellektuellen, die ihr Leben zwischen ihrer Heimat und dem westlichen Ausland verbringen. Shamsie lebt und arbeitet in London und New York und verbringt Teile des Jahres in Karachi. Das Industriezentrum Pakistans mit seinem wilden Bevölkerungswachstum und den sozialen Gegensätzen kam bereits in ihren Büchern "In the City by the Sea" und "Salt and Saffron" zur Sprache. In ihrem eindrucksvollen dritten Roman "Kartographie" wird die Stadt zum Symbol.

          Staub, Abfall und Schlaglöcher, die Bettler ohne Gliedmaßen an den Straßenrändern nimmt die zunächst dreizehnjährige Protagonistin kaum wahr, denn sie lebt in der scheinbar abgeschlossenen Welt eines Villenvorortes in jenen gehobenen Kreisen, denen ihre Eltern angehören. Raheen trifft ihre Freunde am Strand oder im Club und verbringt die meiste Zeit mit Karim, ihrem Kindheitsgefährten, der ihre Gedanken kennt und dessen angefangene Sätze sie zu Ende sprechen kann. Shamsie schildert einen spätkindlichen Zustand der Zufriedenheit, der durch zweierlei irritiert wird. Politische Unruhen bewegen die Eltern, die Kinder aufs Land zu schicken. Dort denken sie über ihre Familien nach, denn die Eltern tauschten kurz vor der Hochzeit die Partner. Die Verflechtung von Politik und Familiengeschichte deutet sich aber zunächst nur an, da die Autorin bemüht ist, den Abstand von erzählendem und erlebendem Ich gering zu halten. So ist der erste Teil des Romans vom begrenzten Horizont einer Heranwachsenden geprägt. Erst im Lauf des Entwicklungsgangs gewinnt er an Facetten.

          Raketenwerfer in Boat Basin. Bewaffnete Männer kidnappen zwei Gemüsehändler. Mehrere Menschen werden aus einem fahrenden Auto heraus erschossen, Passanten werden ebenfalls getötet. Die seit Mitte der Achtziger anhaltenden Unruhen bilden den Hintergrund des Romans, sozial, ethnisch und religiös bedingte Ausschreitungen, die wenig später bürgerkriegsähnliche Züge annehmen. Karachi ist seit der Gründung Pakistans 1947 eine Einwandererstadt, denn nach der Teilung Britisch-Indiens in das mehrheitlich hinduistische Indien und den die muslimischen Gebiete umfassenden Staat Pakistan strömten indische Muslime, Mohajirs, in die Stadt. Im Lauf der Jahre folgten ihnen weitere Gruppen: Panjabi, Pathanen, Belutschen, afghanische Flüchtlinge. Die Spannungen kulminieren in der Regierungszeit Benazir Bhuttos. Dies ist die Gegenwart, von der sich die junge Raheen abzuschirmen sucht.

          Karim, der Freund, zwingt sie zum Hinsehen. Er verläßt früh die Welt der Unruhen und Upper-Class-Parties und siedelt mit seinen Eltern nach London über. Der Weg zum Flughafen, durch abendliche Monsunschauer und tiefe Pfützen beendet die gemeinsame Kindheit. Eine Liebesgeschichte beginnt, die den Leser schon mal einige Seiten schneller blättern läßt. Die Distanz macht es fortan unmöglich, wie selbstverständlich in Sprachspielen zu sprechen. Und daß die scheinbar füreinander Bestimmten sich entgegengesetzt entwickeln, zeigt sich im Verhältnis zu ihrer Stadt. Karim will Kartograph werden und zeichnet in der Ferne eine exakte Karte des verschlungenen Karachi. Der Plan soll Schneisen in das städtische Dickicht schlagen. Raheen verwahrt sich gegen die Verwendung von genauen Bezeichnungen. Für sie stellt sich in ortsüblicher Manier die Frage: "Links nach der Stelle, wo die Ziegen die Antenne gefressen haben, dann rechts - vor oder nach der Radkappe?" Sie betont das quecksilbrige Leben der Stadt, ein Durcheinander, in dem Granatäpfel zu Pyramiden gestapelt werden, Männer sich in neongekachelten Cafés mit ihren Teetassen drängen, grell bemalte Busse vorbeifahren.

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