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: Von Plato am Kopf getroffen

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Es ist ein Traum. Es ist ein Albtraum. Es ist die eigene Vergangenheit, die den sechzehnjährigen Declan Steeple einholt, als er den Toten im Haus seiner Kindheit findet.Vor sechs Jahren ist Dec mit Vater und Schwester aus "Steeple Hall" ausgezogen, nachdem seine Mutter eines Nachts die Familie verlassen hatte.

          Es ist ein Traum. Es ist ein Albtraum. Es ist die eigene Vergangenheit, die den sechzehnjährigen Declan Steeple einholt, als er den Toten im Haus seiner Kindheit findet.

          Vor sechs Jahren ist Dec mit Vater und Schwester aus "Steeple Hall" ausgezogen, nachdem seine Mutter eines Nachts die Familie verlassen hatte. Seitdem ist der alte Herrensitz auf einem Hügel in der kanadischen Provinz Ontario unbewohnt, aber nicht leer. Alles ist noch so eingerichtet wie vor sechs Jahren; die Werkstatt des Großvaters, die Eingangshalle mit ihren hohen Bücherregalen und Bronzebüsten, Decs Zimmer. Die Kindheit im Einweckglas. Decs Vater repariert hier ab und zu etwas, er selbst stöbert manchmal in dem alten Haus, in seinen Erinnerungen. Bei einem solchen Besuch entdeckt er den Toten, begraben unter einem umgekippten Bücherregal in der Eingangshalle und offensichtlich von einer Plato-Büste erschlagen.

          Wie in seinem letzten Roman, "Brandspuren", verbindet Tim Wynne-Jones eine reale Spurensuche mit einer Spurensuche in der Erinnerung. Wo hatte Dec diesen Mann schon einmal gesehen? War es ein Unfall oder ein Verbrechen? Wieso ist Decs Mutter damals so plötzlich verschwunden? Und steht das eine womöglich mit dem anderen in irgendeinem Zusammenhang?

          Die Suche nach den Antworten macht die Spannung in diesem Psychothriller aus. Tim Wynne-Jones verknüpft die Träume seines Helden mit realen Begebenheiten, Rückblenden mit der Gegenwart. Auch wenn sich die genauen zeitlichen Abläufe manches Mal erst beim zweiten Lesen erschließen, so gewinnt doch die Figur Declan Steeple dadurch deutlich an Konturen. Seine fortschreitende Erkenntnis als Ermittler in eigener Sache wird auf diese Weise eine allmähliche Bewusstwerdung verschütteter Träume und Albträume aus seiner Kindheit. Wynne-Jones erweist sich hierin als ein Meister des seelischen Echolots.

          Bei den Nebenfiguren gelingt ihm das nicht ganz. Sie müssen ohne Echolot auskommen und geraten dadurch in weiten Teilen statisch und klischeehaft. So kommt Decs Vater wie ein Fallbeispiel aus einem Psychologielehrbuch daher: Er verschweigt alles um die Frau, die ihn verlassen hat, und baut in seiner Freizeit Kriegsschauplätze im Modellformat nach. Sollte es sich da um ganz andere Kriegsschauplätze handeln? Seiner Tochter erklärt er an ihrem Geburtstag: "Die Vergangenheit nimmt überhand, wenn die Gegenwart keine Zukunft mehr hat." Das Mädchen ist gerade fünf geworden.

          Ganz ähnlich die Szenerie, die Wynne-Jones vor seinen Lesern ausbreitet. Da ist auf der einen Seite "Camelot", ein Musterhaus aus der Zeitschrift "House & Garden", in dem Decs Familie jetzt wohnt. Austauschbar und geschichtslos. Auf der anderen Seite steht der alte Familiensitz, "Steeple Hall", angefüllt mit Vergangenem wie im "Untergang des Hauses Usher" oder in "Psycho". Bei so vielen Anleihen fühlt man sich unwillkürlich an Norman Bates erinnert, Hitchcocks Motelbesitzer in "Psycho" mit der konservierten Frau Mama im Keller. Immerhin: Motels gibt es in diesem Roman nicht.

          Und so mag man als Leser nach 202 Seiten entweder verärgert oder belustigt sein über so viele Versatzstücke, aber ganz sicher nicht gelangweilt. Denn die ganze Geschichte hindurch war man in guter Begleitung, an der Seite von Declan Steeple, dem Detektiv und Träumer. Und das ist gar nicht so wenig.

          SEBASTIAN GÜNTHER.

          Tim Wynne-Jones: "Dieb im Haus der Erinnerung". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Jacobeit. Hanser Verlag, München 2007. 202 S., geb., 14,90 [Euro]. Ab 14 J.

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