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: Von der Unmöglichkeit, endlich erwachsen zu werden

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Als ich Bret Easton Ellis für ein Interview traf, wenige Wochen nach den Anschlägen vom 11. September in seiner völlig unterkühlten Wohnung in Manhattan, in der er heute nicht mehr lebt, erzählte er von dem Roman, den er gerade schreibe und der so ganz anders sei als alles, was er zuvor geschrieben habe.

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          Als ich Bret Easton Ellis für ein Interview traf, wenige Wochen nach den Anschlägen vom 11. September in seiner völlig unterkühlten Wohnung in Manhattan, in der er heute nicht mehr lebt, erzählte er von dem Roman, den er gerade schreibe und der so ganz anders sei als alles, was er zuvor geschrieben habe. Es sei eine Familiengeschichte, sagte er, und daß er dafür, für dieses neue Buch zum ersten Mal alle seine Bücher wieder gelesen habe, "American Psycho", "Unter Null", "Glamorama", Romane, die ihn zu einem der berühmtesten Schriftsteller unserer Gegenwart werden ließen, und daß ihn das in eine Schreibkrise gestürzt habe; so verzweifelt sei er darüber geworden, nein, das habe ihm alles gar nicht gefallen. Er erzählte außerdem, daß sein neues Buch das erste sei, das er in der Vergangenheitsform schreibe. Daß Gewalt diesmal nur in Form von emotionaler Gewalt vorkomme, wie es sie in Familien eben gebe. Und daß er die kalte Wut nicht mehr in sich spüre, die ihn bislang getrieben habe.

          Vier Jahre später erscheint dieser Roman nun in Amerika. Er heißt "Lunar Park" und ist tatsächlich vollkommen anders als alles, was Ellis bisher geschrieben hat. Es gibt zwar auch Morde in "Lunar Park", aber sie lesen sich wie ein Echo aus einer vergangenen Zeit, wie eine schlechte Bret-Easton-Ellis-Imitation. "Lunar Park" ist die Abkehr von allem, für das Ellis bisher stand. Es ist nicht länger die Oberfläche, die er mit kaltem Blick seziert, es ist das, was darunter liegt. Oder was er dort vermutet. "Wir gleiten die Oberfläche der Dinge hinab", hieß es in "Glamorama" als immer wiederkehrendes Motto - in "Lunar Park" erkennt der Held: "Da war etwas unter der Oberfläche der Dinge." Aber was?

          Man merkt dem Buch an, daß sein Verfasser ziemlich viele Therapiesitzungen hinter sich hat. Bret Easton Ellis, Autor einiger sehr düsterer Romane, die wegen pornographischer Gewaltphantasien und detaillierter Schilderungen brutalster Morde teilweise auf dem Index standen - und sogar, im Falle von "American Psycho", einen Nachahmer in der Wirklichkeit fanden, welcher nach Vorbild des Romanhelden Patrick Bateman zum Serienmörder wurde -, dieser Bret Easton Ellis, der seine Wut und seinen Haß bislang in seinen Büchern ungezügelt auslebte, hat sich auf die Suche nach sich selbst begeben. Und ist als ein anderer Schriftsteller daraus hervorgegangen.

          Und den sollen auch wir jetzt kennenlernen, den anderen, den wahren Ellis. Der Ich-Erzähler von "Lunar Park" heißt Bret Easton Ellis, ist Schriftsteller und hat "Unter Null", "American Psycho" und "Glamorama" geschrieben, drei der wichtigsten Romane der letzten zwanzig Jahre. Er ist am selben Tag geboren wie der reale Bret Easton Ellis (7. März 1964), ist gleich groß (1,83 Meter); sein Vater hieß Robert Martin Ellis, wie der des Autors, und starb am selben Augusttag des Jahres 1992. Kurzum, Bret Easton Ellis stellt sich in seinem neuen Roman "Lunar Park", der am Dienstag in Amerika erscheint, selbst als Hauptfigur zur Verfügung - und so radikal und ungeniert narzißtisch hat das noch kein anderer Schriftsteller getan.

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