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: Von der Unfreiheit eines Christenmenschen

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Auf Seite 67 taucht sie erstmals auf - die "massige Gestalt" des Gärtnergehilfen Jozef Mieras. Gut achtzig Seiten danach gesellt sich der ehemalige Metzger Huib Steffen hinzu, ein grobschlächtiger Kerl mit einem "taubeneigroßen Auswuchs" am wulstigen Hals. Das seltsame Triumvirat vervollständigt ...

          Auf Seite 67 taucht sie erstmals auf - die "massige Gestalt" des Gärtnergehilfen Jozef Mieras. Gut achtzig Seiten danach gesellt sich der ehemalige Metzger Huib Steffen hinzu, ein grobschlächtiger Kerl mit einem "taubeneigroßen Auswuchs" am wulstigen Hals. Das seltsame Triumvirat vervollständigt bald darauf der schmächtige Chris Ibel, einst Pfarrer der reformierten Kirche Hollands, nun gekleidet "wie der ärmste Landarbeiter": ein Männlein mit "Vogelkopf", "künstlichem Gebiß" und "Speichelbläschen in den Mundwinkeln". Obwohl Randfiguren des Geschehens und immer wieder "wie vom Erdboden verschluckt", prägen sie die Handlung dieses Romans entscheidend - und damit das Schicksal der Hauptfigur Hans Sievez, des Blumengärtners aus Velp bei Arnheim.

          Dieser Sievez kann eigentlich keiner Fliege etwas zuleide tun, geht vielmehr still und bescheiden seiner Arbeit im Gewächshaus und in den Rabatten nach, ist ein liebender Ehemann und treusorgender Vater. In seltener Regelmäßigkeit aber überkommt es ihn. Er, der sich eben noch über die prächtig gedeihenden Calceolarien und Skabiosen freuen konnte, der die selbstgezogenen Farne kunstvoll pikierte, mit seiner so attraktiven wie treuen Frau Margje einträchtig Familienpläne schmiedete und dem erstgeborenen Sohn Ruben aus der Hausbibel vorlas, rastet nun völlig aus, verprügelt einen Konkurrenten brutal oder bringt einen Arbeitskollegen fast um. Ein halbes Dutzend Mal in den knapp sechs Jahrzehnten seines Lebens passiert das, dann ist wieder Ruhe.

          Die radikal religiösen Aufwallungen des Hans Sievez folgen in weit kürzeren Intervallen. Dabei stand seine Jugend im Zeichen säkularer Rebellion. Als sein Vater einer Sekte fundamentaler Calvinisten immer höriger wurde, verließ er Elternhaus und Kindheitsdorf, um in Den Haag Stadtluft zu atmen und das freie Denken zu erlernen. Kaum aber ist er auf solchen Wegen sein eigener Herr geworden, streckt ihn in der Stille des Sommergartens Gottes strafende und fordernde Stimme nieder. Wie besessen rennt er danach von Frau, Geschäft und Kindern weg, um sich in abgelegenen Scheunen und Gehöften mit kirchenfeindlichen Glaubenseiferern zu treffen, zudem kauft er sich, obwohl bis über die Ohren verschuldet, im Lauf der Jahre eine teure Bibliothek erleuchteter Traktate und inspirierter Predigten zusammen. Aber mit den religiösen Schüben ist es wie mit der temporären Gewalttätigkeit: Plötzlich ist es damit auch wieder vorbei. "Er bereute die Fahrt. Es tat ihm leid um die fünfundzwanzig Gulden. Er sehnte sich nach seinem Zuhause": So heißt es nach einer der gleichwohl beständig wiederkehrenden Fluchten ins Fundamentale.

          "Im Garten des Vaters" ist das deutsche Debüt des bald siebzigjährigen Jan Siebelink. In den Niederlanden ist der neue Roman des dort seit langem etablierten Autors ein enormer Erfolg: An die 800 000 Exemplare wurden bisher verkauft. Der Erfolg lässt sich unschwer erklären. Mit dem Leben des Hans Sievez erzählt Siebelink zugleich holländische Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert. Er beliefert die niederländische Identitätssuche mit Szenen großstädtischer Libertinage und ländlicher Christenstrenge. Und er bedient ein Nostalgiegefühl: In seinem Roman, der zu Beginn der siebziger Jahre endet, gibt es noch kein Problem mit den Einwanderern und noch keine Konflikte mit Islamisten, dafür von den Blumenzwiebeln über das Fahrrad bis zu Holzschuhen und Linsensuppe Holland-Inkunabeln zuhauf.

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