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: Von der Seele eines Menschen

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Tatsächlich machen sich Kathy, Ruth und Tommy mit zwei Freunden einmal auf den Weg nach Norfolk, wo eine "Mögliche" für Ruth gesehen worden sein soll. Die Klone finden die Frau und beobachten sie durch die Glasfront eines Bürogebäudes: eine gutaussehende Frau um die Fünfzig in einem blauen Kostüm, die mit ihrer Kollegin scherzt und deren Mienenspiel deutlich an Ruth zu erinnern scheint. Für eine Viertelstunde ist Ruth verändert, denn ein Traum ist in Erfüllung gegangen. Aber dann folgen sie der Frau in eine Kunstgalerie und kommen dem Traum dabei so nahe, daß er zerplatzt. Es ist Ruth selbst, die der Illusion ein Ende bereitet und ausspricht, was bis dahin keiner von ihnen laut zu sagen gewagt hatte: "Wir wissen es alle. Unsere Modelle sind Abschaum: Junkies, Prostituierte, Alkis, Obdachlose. Häftlinge vielleicht auch, solange es keine Irren sind. Von denen stammen wir ab. Wir wissen es alle, also warum sprechen wir's nicht aus?"

Ruth hat ihren Traum verloren, und wenig später wird sie ihre Freundin Kathy verlieren, dann ihre Jugendliebe Tommy, dann ihr Leben. Am Ende wird nur Kathy zurückbleiben. Sie wird zunächst Ruth, dann Tommy "betreuen", das heißt, sie muß die Menschen, die sie liebt, bis in den Tod pflegen und begleiten. Aus Kathy und Tommy wird dann doch noch das Paar geworden sein, das Ruth aus Eifersucht viele Jahre lang verhindert hatte. Gemeinsam versuchen die beiden, herauszufinden, ob der Mythos, von dem die Klone sich untereinander erzählen, der Wahrheit entspricht: Wenn zwei Klone sich wirklich lieben, so heißt es, wird ihnen Aufschub gewährt. Die Liebe besiegt alles, auch den vorherbestimmten Tod eines menschlichen Ersatzteillagers - zumindest für zwei oder drei Jahre. Ein Heilsversprechen in kleiner Münze.

Aber bislang hatte niemand den Versuch unternommen, einen solchen Aufschub zu erhalten. Wie sollten die Klone ihre Liebe beweisen- und vor allem: wem? Die Lösung dieses Rätsels konnte nur in Hailsham liegen, dem Internat, von dem all jene, die nicht dort aufgewachsen waren, mit einem Entzücken sprachen, als handelte es sich um das Paradies. Aber Hailsham wurde geschlossen.

Erst als es Ruth gelingt, jene obskure "Madame" ausfindig zu machen, die regelmäßig nach Hailsham kam, um die schönsten und gelungensten Kunstwerke der Internatszöglinge abzuholen, können sie ihren Antrag vorbringen. In einer bizarren Schlußszene treffen sie auch Miss Emily wieder, die ehemalige Leiterin des Internats. Erst jetzt erfahren Ruth und Tommy das Geheimnis von Hailsham, dieser idyllischen und doch schrecklichen Insel in einem unheimlichen Land, das Ruth auf ihren langen Autofahrten von "Spender" zu "Spender" durchstreift. Ishiguro beschreibt hier ein England, das seltsam leer erscheint, wie entvölkert und aus der Zeit gefallen. Er läßt uns nicht wissen, was Ruth sieht. Aber er läßt uns spüren, was sie fühlt: Die Klone sind Fremdkörper in einer entseelten menschlichen Welt. Eine Zukunftsvision dürfte Ishiguro damit nicht im Sinn gehabt haben. Wie heißt es doch am Anfang dieses großartigen Romans? "England, am Ende des 20. Jahrhunderts".

Hailsham, der Ort, der menschlichen Ersatzteillagern eine menschliche Kindheit schenkte, ist in dieser Welt ein janusköpfiges Symbol: Chiffre für eine unmenschliche Zukunft und zugleich Abglanz all dessen, was einmal als menschliche Werte bezeichnet wurde. Sie würden uns noch schneller aus den Händen gleiten, hätten wir nicht Bücher wie dieses.

Kazuo Ishiguro: "Alles, was wir geben mußten". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Schaden. Karl Blessing Verlag, München 2005. 349 S., geb., 19,90 [Euro].

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