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: Von der Seele eines Menschen

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Der Moment, in dem Kathy den Blick ihres Gegenübers erforscht, gleicht dem Biß in den Apfel vom Baum der Erkenntnis: Die Klone erkennen, daß sie anders sind, und werden sich darüber selber fremd. Ihre Kindheit ist vorüber. Daß sie ihnen überhaupt gewährt wurde, ist die Folge eines Modellversuchs, mit dem bewiesen werden soll, daß auch Klone eine Seele haben. Deshalb werden die Kinder umsorgt, unterrichtet, erzogen. Sie sollen zeichnen und malen, denn die Produktion von Kunstgegenständen beweist, daß sie kreativ sind, und ihre naiven kleinen Kunstwerke erlauben Einblicke in ihre Seelen. Langsam, quälend langsam schildert Ishiguro, wie die Kinder, sieben oder acht Jahre alt, erste Hinweise auf ihr Schicksal erhalten, wie ihnen souffliert wird, was es mit ihnen auf sich hat, wie sie die Worte der Souffleusen in Hailsham zwar hören, aber ihren Sinn nicht begreifen können. Daß sie "Spender" sind, erfahren die Kinder von Hailsham früh. Aber was vermag eine Zehnjährige sich darunter vorzustellen? Kathy und ihre Gefährten leben über Jahre in einem Zustand zwischen Angst und Sorglosigkeit: Sie kennen ihr Schicksal, und sie kennen es nicht.

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Ishiguro schildert diese langsame, von ständiger Verdrängung begleitete Enthüllung, wenn Schleier um Schleier verschwindet und das Bewußtsein des eigenen Schicksals unabweisbar wird wie das Wachsen eines Krebsgeschwürs. Jeder Halbsatz, den sie aufschnappen, jeder Hinweis, jedes Informationsbröckchen wird zur Metastase, die sich den Kindern in jene Seele frißt, die ihnen abgesprochen wird.

Unter solchen Umständen sind auch die Träume und Sehnsüchte verkrüppelt und ausgesprochen bescheiden: "Ich erinnere mich nicht", sagt Kathy, "daß jemand von einem Leben als Filmstar oder ähnlichem geträumt hätte. Es ging eher um Tätigkeiten wie Postbote oder Landarbeiter." Als die Klone eine Werbebroschüre für Büromöbel finden, fasziniert sie der bloße Anblick von Menschen in einem ganz normalen Büro. Aber auch wenn ihnen ein normales Berufsleben versagt ist, was spricht dagegen, daß ihre menschlichen Vorbilder ein normales Leben führen? So sind die Klone stets auf der Suche nach einer Verbindung in die normale Welt: "Da jeder von uns zu einem bestimmten Zeitpunkt von einem normalen Menschen kopiert worden war, mußte es für jeden von uns irgendwo dort draußen eine Vorlage geben, ein Modell, das ganz normal sein Leben führte. Das hieß, man müßte die Person, der man nachgebildet worden war, auch finden können, zumindest theoretisch. Wenn wir also selbst draußen unterwegs waren - in Städten, in Einkaufszentren, in Raststätten -, hielten wir insgeheim immer Ausschau nach ,Möglichen' - den Menschen, die für uns und unsere Freunde die Vorlage gewesen sein könnten."

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