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: Von der Seele eines Menschen

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So sind die drei aufeinander angewiesen, wenn sie nicht ganz allein sein wollen. Es gibt, und das ist der geniale Kniff dieses ebenso intelligenten wie gefühlvollen Buches, keine nennenswerte Außenwelt, sondern nur die kleine Gemeinschaft der Klone und ihre tapferen, anrührenden und vollkommen aussichtslosen Versuche, ein normales Leben zu führen. Gegen die Lebenslügen eines Klons sind die Lügengebäude, die Ibsen oder Strindberg auf die Theaterbühne gebracht haben, läppisches Geflunker.

Nein, hier wissen wir einmal nichts besser. Wir durchschauen Nora und Hedda Gabler, und wir mögen uns in John Gabriel Borkman oder dem pantoffeltragenden Gemahl Noras wiedererkennen. Aber in Ruth und Tommy, die Klone, die ihren "Spenden" entgegensehen, können wir uns nicht versetzen: Sie sind uns fremder als jedes andere menschliche Wesen, und doch zwingt uns Ishiguros Kunst dazu, uns mit jenen zu identifizieren, die wir nicht kennen können. Wenn wir mit ansehen, wie Kathy und ihre Gefährten nach und nach die Wahrheit über sich erfahren, lehrt uns Ishiguro ohne jedes Pathos und weitab von Sentimentalität, was Mitleid heißt.

Es gehört zu den einfachen, aber höchst wirkungsvollen Kunstgriffen dieses Autors, daß er uns jede Außensicht auf die Klone versagt. Die Welt, mit der wir es hier zu tun haben, ist die geschlossene, wie hermetisch abgeriegelte Welt der "Spender". Empfänger haben darin keinen Ort, es sei denn als Personal. Kathy und ihre Gefährten verlassen Hailsham zwar nach dem Ende der Schulzeit, aber nur, um die Abgeschiedenheit des Internats gegen die Abgeschiedenheit der "Cottages" einzutauschen, jener ländlichen Behelfswohnheime, in denen die Spender die Zeit bis zu ihrem ersten Einsatz totschlagen. Nun sind sie erwachsen, also achtzehn bis zwanzig Jahre alt, sie können Auto fahren und unternehmen zuweilen sogar Ausflüge. Aber sie bewegen sich in einem seltsamen Raum, der zuweilen an ein Zwischenreich oder eine Parallelwelt gemahnt. Die Welt der Klone scheint von der Welt der Empfänger getrennt, ein Zustand, der mit keinem Wort beschrieben oder gar erklärt würde. Sind die Klone für normale Menschen als Klone erkennbar? Vermutlich nicht, aber sie halten sich abseits von der Gemeinschaft der anderen, wie kranke Tiere, die sich zum Sterben von der Herde entfernen. Nicht ein einziges Mal sehen wir die Klone mit den Augen normaler Menschen. Wir erfahren lediglich, was Kathy in den Augen eines solchen Menschen zu sehen glaubt: "Madame fürchtete sich vor uns. Aber sie fürchtete sich so, wie sich jemand vor Spinnen fürchtete. Darauf waren wir nicht gefaßt gewesen. Es war uns nie in den Sinn gekommen, uns zu fragen, wie es für uns wäre, so gesehen zu werden: als die Spinnen."

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