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: Von der Seele eines Menschen

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Nichts wäre falscher, als dieses Buch als Science-fiction-Roman abzutun. Ishiguro interessiert sich nicht sonderlich für die technologischen Möglichkeiten der fernen oder näheren Zukunft, und die ethischen Probleme, um die es ihm geht, werden durch die Biotechnologie und andere Formen des wissenschaftlichen Fortschritts nicht aufgeworfen, sondern nur auf extreme Weise zugespitzt. Das zeigt schon die Angabe von Zeit und Ort der Handlung, die Ishiguro dem Buch vorangestellt hat: "England, am Ende des 20. Jahrhunderts". Beiläufiger läßt sich die banale Behauptung, daß die Zukunft längst begonnen hat, nicht formulieren.

Mag sein, daß die Datierung auf das Jahr 1996 verweisen soll, als in England das Schaf Dolly geklont wurde. Aber Ishiguro will nicht in die Vergangenheit zurückkehren oder in die Zukunft vordringen, sondern ins Innerste der menschlichen Existenz, dorthin, wo Selbstsucht und Grausamkeit, Mitleid, Trauer, Schmerz und Glück, Traum und Sehnsucht sich durchdringen.

Die Frage, ob Selbstsucht und Verrohung in unserer Gesellschaft und die Instrumentalisierung des menschlichen Lebens bereits so weit fortgeschritten sind, daß wir Ishiguros Szenario für plausibel, möglich oder gar wahrscheinlich halten, muß jeder für sich selbst beantworten. Wie immer die Antwort ausfallen mag, Ishiguros meisterhafter Roman trägt diese Frage auf eine Weise an uns heran, die uns bei der Lektüre das Herz zusammenpreßt wie in einem Schraubstock, der sich unaufhaltsam schließt, Seite um Seite, Windung um Windung.

Dabei ist dieser Erzähler unvergleichlich in der Ökonomie seiner Mittel. Was immer man mit dem Thema Klonen verbinden mag, hier werden alle Erwartungen unterlaufen. Es gibt keine genialen oder wahnsinnigen Wissenschaftler, keine skrupellosen Konzerne oder geldgierigen Unternehmer. Begriffe wie Biotechnologie, Labor oder Reagenzglas tauchen nicht ein einziges Mal auf. Ishiguro verzichtet auf alle grellen Effekte, die man gewöhnlich mit dem Thema des künstlichen Menschen verbindet. Anders als in Hollywood-Filmen wie zuletzt "Die Insel" würden Ishiguros Klone nie auf den Gedanken verfallen, sich gegen ihre Erzeuger, die ja zugleich ihre "Verbraucher" sind, aufzulehnen. Sie leiden und sie träumen, aber ihr Schicksal in Frage zu stellen, das vermögen sie nicht. Für Ishiguro gleichen sie auch darin dem normalen Menschen: Wir alle nehmen das Unabänderliche hin, solange wir es für unabänderlich halten.

Anders als der Franzose Michel Houellebecq ist Kazuo Ishiguro kein Skandalautor. Er ist das Gegenteil davon. Die Klone in Houellebecqs neuem Roman "Die Möglichkeit einer Insel" sind Übermenschen, die alles Menschliche verloren haben und sich am Ende wieder auf die Suche danach machen. Houellebecq stellt unserer Gegenwart eine rabenschwarze Diagnose und malt sich aus, wie die Sache weitergehen könnte, voller Genuß an der eigenen Betroffenheit: reißerisch aufgetakelter Kulturpessimismus mit sorgfältig gepflegtem Skandalpotential, medienwirksam, aber literarisch eher belanglos. Der Blick des Franzosen in die menschliche Zukunft ist dunkel und verzweifelt - und Houellebecq gefällt sich in dieser Verzweiflung. Ishiguros Blick hingegen ist von tiefstem Mitleid erfüllt - und von größter Faszination. Wie ein Insektenforscher richtet Ishiguro seinen Blick auf Kathy, Ruth und Tommy, die einander die Familie ersetzen, die sie nie hatten und niemals haben werden, denn Klone können keine Kinder bekommen.

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