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: Von der Saar bis in die Südsee

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Kein deutscher Nachkriegsautor hat die Grablegung der alten deutsch-französischen "Erbfeindschaft" literarisch so gründlich besiegelt wie Ludwig Harig. Übersetzungen von Texten Prousts, Apollinaires und Queneaus, der Erzählungsband "Reise nach Bordeaux" (1965), die Collageprosa des Romans "Rousseau" ...

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          Kein deutscher Nachkriegsautor hat die Grablegung der alten deutsch-französischen "Erbfeindschaft" literarisch so gründlich besiegelt wie Ludwig Harig. Übersetzungen von Texten Prousts, Apollinaires und Queneaus, der Erzählungsband "Reise nach Bordeaux" (1965), die Collageprosa des Romans "Rousseau" (1978) und die Reisegeschichten "Spaziergänge mit Flaubert" (1997), auch der französische Lesebücher imitierende und parodierende "Familienroman" von 1973, "Sprechstunden für die deutsch-französische Verständigung und die Mitglieder des Gemeinsamen Marktes" - sie alle richten den Blick westwärts. An einer Schnittstelle deutsch-französischer Kultur, im Saarland, geboren, ist Harig immer ein Grenzgänger geblieben. Als Dichter ging er in die Schule der französischen experimentellen Gruppe OULIPO. Während seiner Tätigkeit als "Assistant d'allemand" am Collège Moderne in Lyon schloss er eine Freundschaft fürs Leben mit dem Burgunder Roland Cazet. Dieser Freundschaft gewidmet ist sein neues Buch: "Kalahari. Ein wahrer Roman".

          Wie der Widerspruch im Untertitel zeigt, setzt Harig sein literarisches Spiel mit den Überschneidungen von Fiktion und Faktum, ihre Aufhebung in einem Dritten, der Wahrheit des Poetischen, fort. In seiner bekannten Romantrilogie ("Ordnung ist das ganze Leben", "Weh dem, der aus der Reihe tanzt" und "Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf", 1986-1996) erprobt er seine Überzeugung von der Omnipotenz der Sprache in der gebundenen autobiographisch-epischen Form.

          Eine autobiographische Erzählung ist auch "Kalahari". Aber in dem Maße, wie "Ordnung ist das ganze Leben" zugleich zum Roman seines Vaters wurde, wird "Kalahari" zugleich zum Lebensroman seines burgundischen Freundes. Als schriftliches Material für diesen Lebensroman dienen Harig Rolands eigenes Dossier, Briefe Rolands und des Neffen sowie Aufzeichnungen einer Familienangehörigen, als Erfahrungsvorgabe die Begegnungen mit Roland und seiner Familie. Aber Harig gesteht seinen Übermut im Umgang mit den Tatsachen, räumt ein, dass er Rolands Lebensgeschichte nach seinem Plan dirigiert. Andererseits fährt er mit seinem Wagen lange Wege ab, um Beobachtungen zu präzisieren. So findet ein munteres Wechselspiel zwischen Recherche und Erfindung statt. Aber er weiß auch, dass ein Wort von Jorge Luis Borges, andere läsen den Bericht eines von ihm mitgeteilten Ereignisses wie eine Erzählung, zutrifft. Ja, das ist es: Es bleibt uns Romanlesern, die wir Roland nie begegnet sind, gleichgültig, ob die Lebensdaten bezeugt sind. Hauptsache, die Geschichten sind gut erzählt.

          Anders als in "Ordnung ist das ganze Leben", wo Harig einen vom Exerzierdrill geprägten Kleinbürger aus der Kaiserzeit mit einem härenen Kleid der Poesie umhüllen musste, bietet in "Kalahari" die Figur seines Freundes Manna für die Phantasie. Denn obwohl Lehrer (wie Harig selbst zwei Jahrzehnte lang), ist Roland ein Abenteurer von Geblüt. Seine Jugendsehnsucht nach der Kalahari, einer südafrikanischen Steppe, wird sich nicht erfüllen, aber "Kalahari" steht ohnehin als Name für die Welt des Abenteuers. Und den Französischlehrer an französischen Auslandsinstituten zieht es immer wieder zu neuen Schauplätzen hinaus: nach Alexandrien und Abessinien, nach Damaskus, Singapur oder Tahiti.

          Zwei Leitfiguren gibt es, auf deren Spuren Roland das Abenteuer sucht: Rimbaud und Gauguin. Dem früh verstummten Dichter Arthur Rimbaud, der seinen poetischen Visionen mit Drogen die Sporen zu geben versuchte und aus den Fesseln der europäischen Zivilisation und Moral ins unstete Wanderleben ausbrach und sich als Handelsvertreter in Aden und Harrare in dunkle Waffengeschäfte einließ, ihm folgt er nach Abessinien. So weit geht seine Identifikation mit Rimbaud, dass er eine Zeitlang seine Lehrtätigkeit unterbricht und sich in wilde Börsengeschäfte verwickelt, bei denen er sich verspekuliert.

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