https://www.faz.net/-gr3-x830

: Vom Wunsch, eine Meeresschildkröte zu sein

  • Aktualisiert am

Und noch einen anderen Grund zur Unzufriedenheit gibt diese Ausgabe, und das ist leider die Übersetzung. In der ersten Hälfte, und seltsamerweise nur dort, als hätte Marcus Ingendaay in der Mitte unvermittelt an einen Kollegen abgegeben, sind die Dialoge von einer norddeutschen Flapsigkeit, die womöglich Lesern aus Spandau und Neukölln Genuss bereitet, die jedoch alle, die die deutsche Sprache etwas weiter südlich gelernt haben, bedrücken wird. So etwa wenn Capote Marilyn Monroe "du Träne" nennt, wenn das schlichte Wort "eat" hartnäckig mit "sich einverleiben" übersetzt wird, wenn überhaupt mehrmals gegessen wird "bis die Plautze kracht". "He spouted an intellectual rigmarole" übersetzt Ingendaay mit "er hielt die Leute mit pseudointellektuellem Gefasel zum Narren" und wandelt damit Capotes sachlich kühle Ironie gegenüber James Dean in eine platt eindeutige Wertung um - noch dazu unter Verwendung eines der hässlichsten Wörter deutscher Sprache, dessen Verwendung Max Goldt schon vor Jahren zu Recht verboten hat. Im zweiten Teil findet die Übersetzung immer mehr zu einem dem Original angemessenen Ton, und solche Ausrutscher werden selten - aber zuvor muss man sich durch reichlich Passagen kämpfen, in denen Leute mit "du Herzchen" oder "Schwachstruller" angeredet werden, in denen es "Null Problemo, du Spiegelwichser" heißt, in denen auch mal ein "großes Pfadfinder-Ehrenwort" gegeben wird und überhaupt die Dialoge des an Flaubert orientierten Meisterstilisten Capote übertragen werden in eine Umgangssprache von so papierenem Klang, dass man sich fragt, ob sie außerhalb der Donald-Duck-Übersetzungen von Erika Fuchs je irgendwo gesprochen wurde. Immer wieder zeigt Ingendaay, dass er der lyrischen Zartheit von Capotes Beschreibungen gewachsen ist, was er aber mit den Dialogen anstellt, fügt dem Autor Unrecht und dem Leser Schmerzen zu.

"Marilyn! Marilyn, warum muss eigentlich alles immer so ausgehen?" So viel klingt in diesem Ausruf mit - natürlich auch das Vorwissen des erschöpften, lange schon drogenabhängigen Schriftstellers, dass auf ihn kein langes Leben, kein Alter voll Ehrungen und Würden warten würde, sondern nur das blasse Fortleben des toten Klassikers. Und dabei müsste es nicht so sein: Er war Jahrgang 1924, und so fern er uns auch schon scheint, er könnte noch da sein und makellose Prosa über die demokratischen Vorwahlen oder über Madonna verfassen. Er wäre wie Roth oder Updike ein gesuchter Interviewpartner und einer, von dem es jedes Jahr wieder hieße, sein Nobelpreis wäre überfällig.

Denn auch das ist eine Lehre von Capotes Reportagen: Nichts muss so sein, wie es ist, nichts ist notwendig, nichts vorherbestimmt. "Als was wollen Sie selbst reinkarniert werden?", fragt sich Capote einmal im Selbstinterview, um zu antworten: "Als Vogel, am liebsten als Bussard. Ein Bussard braucht sich keine Gedanken um sein Aussehen oder um seine Wirkung auf andere Menschen zu machen, er muss keine Show abziehen, ihn mag ohnehin niemand. Er ist hässlich und nirgendwo willkommen. Man kann die Freiheit, die einem eine solche Existenz gewährt, gar nicht überschätzen. Gut wäre auch eine Meeresschildkröte. Sie kann an Land gehen, kennt aber auch die Geheimnisse in der Tiefe des Meeres. Außerdem leben Meeresschildkröten lange, und in ihren gut geschützten Augen sammelt sich eine Menge Weisheit."

Truman Capote: "Die Hunde bellen". Reportagen und Porträts. Aus dem Englischen von Marcus Ingendaay. Verlag Kein & Aber, 912 Seiten, 29,90 Euro. Die achtbändige Werkausgabe, herausgegeben von Anuschka Roshani, kostet 99 Euro.

Daniel Kehlmanns Roman "Die Vermessung der Welt" erschien im Jahr 2005 und war 2006 das zweitmeistverkaufte Buch der Welt. Sein neues Buch wird voraussichtlich diesen Herbst erscheinen.

Weitere Themen

Noch irgendwelche Fragen?

Fernsehen im Wahlkampf : Noch irgendwelche Fragen?

Fallenstellen inklusive: Den Kanzlerkandidaten blüht in der Fernseharena einiges, ob in der „Wahlarena“ der ARD oder bei Pro Sieben. Aktivistinnen drehen auf, Kinder fragen und haben einen Knopf im Ohr.

Topmeldungen

Nach Festnahme in Hagen : Ohne NSA und Co. kaum Hinweise auf Anschläge

Deutsche Sicherheitsexperten loben ausländische Geheimdienste. Nach der Festnahme in Hagen werden islamistische Gefährder zum Wahlkampfthema. Unionskandidat Laschet pocht auf Abschiebungen und Verbote, Grünen-Kandidatin Baerbock betont die Notwendigkeit von Überwachung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.