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„Vom Winde verweht“ : In flotter Kutsche ohne Anstandswauwau

  • -Aktualisiert am

Ach, Tara! Fast alles, was wir über „Vom Winde verweht“ wissen, wissen wir aus dem Film. Zeit, endlich das Buch zu lesen. Bild: Picture-Alliance

Deutlich entzuckert, aber fragwürdig nah an heutiger Sprache: Margaret Mitchells Südstaaten-Epos heißt in neuer Übersetzung „Vom Wind verweht“.

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          Einzelheiten sind es, die sich einprägen. Der Spitzenunterrock zum Beispiel: das letzte gute Stück, das sie noch hat, in mühevoller Heimarbeit aus Stoff genäht, den ihr Rhett Butler noch besorgt hat, Schieberware von dem letzten Schiff, das durch die Kriegsblockade kam. Jetzt beißt sie diesem edlen Kleidungsstück die Nähte auf, reißt es in Streifen und knotet sie – die Hände sind vom scharfen Faden blutig – zu einem Seil zusammen. Damit wagt es Scarlett selbst, da ihr Sklavenmädchen Angst hat, sich der riesenhaften Kuh zu nähern, die unvermittelt aus dem Unterholz am Wegrand auftaucht, mit prallem Euter und gewaltigem Gehörn, das gehörigen Respekt einflößt. Doch der Cowboy-Act gelingt. Scarlett bindet die Kuh an den Wagen, darin die Schwägerin mit ihrem Neugeborenen liegt; das Tier hat Milch, und das heißt Hoffnung für die vollständig entkräfteten Flüchtenden. Aus dem brennenden Atlanta, wo die Yankee-Armee einzieht, sind sie auf dem Weg nach Tara, dem Familiensitz, doch ohne überhaupt zu wissen, was davon noch übrig ist: „Stand Tara noch? Oder war Tara auch vom Wind verweht, der in Georgia gewütet hat?“

          Es ist eine Schlüsselszene des Romans, die nicht nur seinen sprichwörtlich gewordenen Titel aufruft, sondern auch seine besonderen Stärken wie in einem Brennglas bündelt. Der Spitzenunterrock, Sinnbild erotischer Verführungskunst und eines Luxuslebens, das fast um jeden Preis und selbst noch in Bedrängnis weitergeführt worden ist, wird kurzerhand zum Kuhstrick gemacht, um das schiere Überleben unter widrigsten Bedingungen immerhin noch zu versuchen. Nichts weniger als eine letzte Chance auf Zukunft hängt an diesem Strick, als der armselige Fluchtkonvoi – das geschundene Pferd, der klapprige Wagen mit Wöchnerin, Baby und Kleinkind, das brüllende Rindvieh im Schlepp – tatsächlich in Tara einzieht. Dort ist der Luxus längst nur noch Legende. Doch Scarlett hat die Zügel in die Hand genommen und ihre Chance genutzt. Seit drei Jahren ist sie Kriegswitwe, noch keine zwanzig.

          Alt gewordenes neu erschlossen

          Einprägsamer und mit besserem Blick für sprechende Details lässt sich ein solcher Heimkehr-Moment kaum erzählen. Dass hier der Überschwang der widerstreitenden Gefühle, dass aller innerer Aufruhr und die affektive Sturmstärke in ganz konkreten Handlungen – wie eben dem Zerreißen des Unterrocks – zum Ausdruck kommen, nimmt der Szene viel an Sentimentalität, mit der sonst nicht gespart wird, denn es lässt Dinge statt großer Worte sprechen und setzt darauf, dass emotionale Wirkung umso größer ist, wenn wir sie selbst hervorzubringen haben. Es ist eine überraschende Erfahrung. Uns dazu eine Chance zu geben und Margaret Mitchell als Erzählerin neu vorzustellen ist das unbestreitbare Verdienst der deutschen Neuausgabe.

          Die schwarze Schauspielerin Butterfly McQueen als Sklavin Prissy: Die Neuübersetzung versucht, die rassistischen Klischees in der Sprache zu mildern. Das gelingt nicht immer überzeugend.

          Was die Übersetzer Liat Himmelheber und Andreas Nohl – Letzterer zugleich Herausgeber, der Kommentar und Nachwort beisteuert – hier mit bemerkenswertem Mut, ja mit Verwegenheit geleistet haben, zeigt daher vor allem eins: wie produktiv der Akt des Übersetzens ist, wenn er alt und gleichgültig Gewordenes neu erschließt. Das beginnt gleich mit dem Titel, dem das alte Dativ-e genommen ist. „Vom Winde verweht“, wie uns die Phrase im Ohr ist, klingt stark nach Kunstjargon („Dem Manne kann geholfen werden“) und Biedermeier („Am Brunnen vor dem Tore“). „Vom Wind verweht“ setzt einen anderen Rhythmus, der uns ins Stolpern bringt, vielleicht verstört und damit überhaupt draufstößt, dass etwas scheinbar Altvertrautes zur Neuentdeckung ansteht. Denn wer würde sich sonst, rundheraus gesagt, diesen dicken Schinken mit seinem süßlichen Südstaatenaroma je wieder zur Lektüre vornehmen?

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