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„Vom Winde verweht“ : In flotter Kutsche ohne Anstandswauwau

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Eine kapriziöse junge Frau

Rotglühende Himmel bei Sonnenuntergang, gern mit Sklaven als ornamentaler Silhouette; imposante Herrenhäuser mit Säulen und Freitreppe, darauf wogende Reifröcke und gewagte Hüte; Pferde in wildem Galopp; Magnolien- und Azaleenbäume in herrlichster Blüte: was wir von dieser Geschichte an Bildern im Kopf zu haben glauben, stammt aus dem vierstündigen Hollywood-Epos, das David Selznick 1939 in die Kinos brachte, bis heute einer der größten Erfolge der Filmgeschichte. Schon 1936, als der Roman – das Debüt einer bis dahin unbekannten Journalistin, Jahrgang 1900, aus Atlanta – alle Bestseller-Rekorde brach, machte man ihm seine Popularität zum Vorwurf. Beides ist ersichtlich unfair und fordert uns zu neuer Auseinandersetzung auf. Was also lesen wir in Mitchells Buch?

Wir lesen von einer kapriziösen jungen Frau, die behütet und verwöhnt aufwächst und doch, aus allen Blütenträumen jäh herausgerissen, sich früh daran gewöhnen muss, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, gegen ungeheure Widerstände ankämpft, dabei die oftmals feindselige öffentliche Meinung ebenso entschieden missachtend wie unfähige, schwache Männer, die sie bloß zu ihrem Nutzen einspannt und nach Belieben ehelicht, stets berechnend, geldgierig und skrupellos, ja bis zur Unmoral auf ihren eigenen Vorteil bedacht – alles nicht gerade Charakterzüge, muss man sagen, die einen sonderlich für Scarlett O’Hara einnehmen sollten. Umso bemerkenswerter, wie es dem Roman dennoch gelingt, uns durch geschickte Perspektivenlenkung auf ihre Seite zu ziehen. Letztlich ist es wohl ihr schierer Überlebensmut und -willen, niemals aufzugeben, der beeindruckt: „Tomorrow is another day“, die berühmten Schlussworte, von der Autorin ursprünglich als Titel vorgesehen, bringen diesen unerschütterlichen Zukunftsglauben auf den Punkt.

Vieles wirkt jetzt plastischer

So erscheint der Roman weniger nostalgisch und elegisch als fast schon verbissen optimistisch. Tatsächlich spielt er überwiegend auch gar nicht in Tara, dem alten Sehnsuchtsort, sondern in Atlanta, der jungen, aufstrebenden Stadt, Knotenpunkt des Eisenbahnverkehrs und Inbegriff der Zukunft, die sich auch nach schrecklichster Zerstörung sofort wieder neu erfindet.

Margaret Mitchell: „Vom Wind verweht“. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Nohl und Liat Himmelheber. Verlag Antje Kunstmann, München 2020. Gebunden, 1324 Seiten, 38 Euro.

Hier wird das private Schicksal mit dem politischen Geschehen – mehr als die Hälfte des Romans betrifft die Nachkriegszeit als mühsame Periode glanzloser Existenzkämpfe – eng verflochten, und hier gewinnt Rhett Butler seine schönste diabolische Präsenz. Wer von diesem Schwerenöter nur Clark Gables fein gekämmtes Oberlippenbärtchen und seine unentwegte Augenbrauengymnastik kennt, hat etwas zu entdecken: Mitchells Butler ist ein unverbesserlicher Zyniker, abgebrüht und abgefeimt, süffisant und egoman, dabei in seiner Skrupellosigkeit weniger Scarletts Widerpart als vielmehr ihr Ebenbild. Den Herzschmerz dazu gibt es gewiss auch – „Sein drängender Mund öffnete ihre zitternden Lippen und sandte wilde Schauer durch ihre Nerven“ und so weiter –, doch in dieser Fassung deutlich entzuckert.

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