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: Vom Opa lernen

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Richtig ernst genommen hat Mordecai Richler eigentlich nur seine Laster: das Rauchen und das Trinken. Und seine Leidenschaft: das Schreiben. Alles andere betrachtete der 1931 in Montreal geborene Schriftsteller mit lässigem Humor - freundlich ausdrückt. Tatsächlich war er ein gefürchteter Spötter, ...

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          Richtig ernst genommen hat Mordecai Richler eigentlich nur seine Laster: das Rauchen und das Trinken. Und seine Leidenschaft: das Schreiben. Alles andere betrachtete der 1931 in Montreal geborene Schriftsteller mit lässigem Humor - freundlich ausdrückt. Tatsächlich war er ein gefürchteter Spötter, dem weder seine Zugehörigkeit zum Judentum noch seine von Schnee verwöhnte Heimat Verpflichtung zur kritiklosen Anbetung waren. "Ich bin Kanadier und Jude, und ich schreibe über beides", sagte er in der für ihn typisch lakonischen Art.

          Obwohl zeitlebens eher den Eindruck eines Lebemanns als den eines Gelehrten vermittelnd, machte den Vater von fünf Kindern sein vielseitiges Werk zu einem der bekanntesten Autoren Kanadas, und da Saul Bellow frühzeitig nach Chicago übersiedelte, wurde Richler Kanadas wichtigster jüdischer Autor. Davon zeugten zuletzt die groteske Familienchronik "Solomon Gursky war hier" (1992) und der Schelmenroman "Wie Barney es sieht" (2000), für den Richler den Commonwealth Writers Prize gewann.

          Auch wenn der Enkel russisch-jüdischer Einwanderer als Neunzehnjähriger nach Europa aufbrach und zwei Jahrzehnte in London war, wurde der Sohn eines Altmetallhändlers zum Chronisten von Montreal. Insbesondere die St. Urbain Street im Herzen des jüdischen Viertels, deren Dreck und Armut er als Kind erlebte, verdichtete Richler zu bedeutender Literatur. 1972 war er in seine Heimatstadt zurückgekehrt und verfasste dort bis zu seinem Tod im Sommer 2001 neben einem Dutzend Romanen auch Jugendbücher, Drehbücher, Essays und Zeitungskolumnen.

          Aus unerklärlichen Gründen war ausgerechnet sein im englischsprachigen Raum bekanntester Roman, "The Apprenticeship of Duddy Kravitz", der 1959 erschien, bisher nicht ins Deutsche übersetzt worden. Dabei hatte Ted Kotcheff den Stoff 1974 in Zusammenarbeit mit Richler in einen Film verwandelt, der bei der Berlinale einen Goldenen Bären gewann. Nun hat der Liebeskind Verlag diese überfällige, aufregende Ausgrabung getätigt und eine Übersetzerin auf die lebenspralle Geschichte eines draufgängerischen Jungen angesetzt, die dieser schnellen, gelegentlich harten Prosa gewachsen ist. Hilfreich wäre allerdings ein Glossar zur Erläuterung zeitlicher und lokaler Besonderheiten gewesen.

          "Die Lehrjahre des Duddy Kravitz" beginnen 1947 auf der Fletcher's Field Highschool. Doch den selbstbewussten, rebellischen Jungen hält dort wenig. Nach dem knapp geschafften Abschluss setzt er alles daran, die beengenden Verhältnisse der St. Urbain Street zu überwinden, in denen er als Halbwaise bei seinem Vater Max, einem Taxifahrer und Zuhälter, aufwächst. Den engeren Draht hat er zu seinem Großvater Simcha, der um die Jahrhundertwende Lodz verlassen hatte, um in der Neuen Welt sein Glück zu machen. Von ihm hat Duddy gelernt: "Ein Mann ohne Land ist ein Nichts." Sein Ziel ist also klar, doch nicht der Weg dahin. Duddy will ein Jemand werden, egal, wie.

          Und hier kommt Richlers Kunst zum Tragen: Ohne als Duddys Ankläger oder Verteidiger aufzutreten, schickt der Autor seine nicht nur liebenswerte Figur auf eine dornige Reise, bei der Duddy Kravitz nicht nur Unmengen Zigaretten raucht und sich bis zur Erschöpfung aufreibt, um ein Seegrundstück in den Lorenzbergen nördlich von Montreal zu erwerben, sondern auch reichlich Schuld auf sich lädt. Mit jedem weiteren Kapitel dreht Richler die Daumenschrauben etwas mehr zu. Der Effekt: Duddy kommt ins Straucheln, und der Leser fiebert mit - selbst dann, wenn seine Geschäfte nicht ganz koscher sind.

          Denn Duddy ist bereit, alles zu tun: Er kellnert, spielt Roulette, handelt mit Flipperautomaten, vertreibt Putzmittel, versucht sich als Produzent von BarMizwa-Filmen und vielem mehr. Selbst vor blumigen Versprechen und gefälschten Unterschriften macht er nicht halt. Diese Lebensschläue und Skrupellosigkeit erinnert an Frank McCourts Autobiographie "Die Asche meiner Mutter", wobei der Ire sein tatsächliches Leben erzählt; Richler hat hier wie in vielen anderen Romanen lediglich autobiographische Bruchstücke zum Ausgangspunkt genommen, um sie in Fiktion zu verwandeln.

          Noch heute, fast ein halbes Jahrhundert nach der Entstehung, lesen sich "Die Lehrjahre des Duddy Kravitz" mitreißend. Der Roman sprüht nur so vor Vitalität und zeigt, dass Richler schon mit achtundzwanzig Jahren und seinem vierten Buch einen ganz eigenen Stil gefunden hatte. Vor allem die Dialoge sind derart zwingend geschrieben, dass ein Aussteigen schlicht unmöglich ist.

          Nach Richlers endgültigem Verstummen ist es tröstlich, dass seine Tochter Emma mit den Storys "Sister Crazy" (2001) und ihrem an Salingers Glass-Familie erinnernden Romandebüt "Feed My Dear Dogs" (2006) das Erbe ihres Vaters angetreten hat. Der Name wird der Literatur also erhalten bleiben. Trotzdem wäre es dringend zu wünschen, die einst vom Kindler Verlag herausgebrachten, längst vergriffenen und inzwischen (selbst als Fischer-Taschenbuch) als Rarität gehandelten Übersetzungen der Romane "Sohn eines kleineren Helden", "Der Traum des Jakob Hersch" und "Joshua, damals und jetzt" in welcher Form auch immer zu reaktivieren.

          REINHARD HELLING

          Mordecai Richler: "Die Lehrjahre des Duddy Kravitz". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Silvia Morawetz. Liebeskind Verlag, München 2007. 432 S., geb., 22,- [Euro].

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