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1 Buch, 1 Satz : Vom holprigen Glück

Bild: FAZ.NET

„Der Vorleser“ hat Bernhard Schlink zu einem der international bekanntesten Schriftsteller des Landes gemacht. In „Olga“, seinem neuen Roman, führen uns drei Stimmen in die deutsche Vergangenheit. Mit einer Schwäche.

          3 Min.

          Formbewusstsein war bislang nicht so sehr die Sache Bernhard Schlinks. Es sind die Inhalte seiner Romane, die die Oprah Winfreys dieser Welt erfreuen. Seit sich die amerikanische Talkshowmeisterin 1999 für Schlinks „Vorleser“ begeisterte, gehört der 1944 geborene Jurist zu den weltweit bekanntesten deutschen Schriftstellern. Die Psychologie der Schuld ist Schlinks Thema, und deshalb kehren Reminiszenzen an die totalitäre deutsche Vergangenheit bei ihm regelmäßig wieder, seit er 1987 seinen ersten Roman publizierte: den Krimi „Selbs Justiz“ über einen älteren Privatdetektiv, der seine Karriere im Dienst der Gerechtigkeit ausgerechnet als Staatsanwalt im „Dritten Reich“ begonnen hatte.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Was für ein literarisch-kommerzieller Volltreffer dem Diogenes-Verlag mit diesem Genre-Autor zugefallen war, konnte damals niemand absehen, zumal „Selbs Justiz“ ein kollektiv verfasster Roman war; Co-Autor war der Übersetzer Walter Popp, mit dem zusammen die Figur nach damaliger Verlagsankündigung auch weiter hätte entwickelt werden sollen, doch Schlink publizierte den nächsten Fall, „Selbs Betrug“, 1992 dann allein. Aus heutiger Sicht wies aber schon der Erstling ein für Schlink charakteristisches Element auf: die Einteilung der Handlung in mehrere (meist drei) Teile, die wiederum aus einer Fülle kurzer Kapitel bestehen. Das erwies sich als probate Schreibpraxis neben der Tätigkeit als Juraprofessor. Mittlerweile ist Schlink pensioniert, aber an der Struktur seiner Romane hat das nichts geändert.

          Bernhard Schlink: „Olga“. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2018. 311 S., geb., 24,– Euro.
          Bernhard Schlink: „Olga“. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2018. 311 S., geb., 24,– Euro. : Bild: Diogenes

          Auch der neueste, „Olga“, gliedert sich wieder in drei Teile, die sich aus insgesamt 84 Kapiteln zusammensetzen. Wobei der letzte Teil streng genommen nicht aus Kapiteln besteht, sondern aus dreißig Briefen und einer Nachbemerkung. Die Briefverfasserin ist die Titelfigur, die als Tochter eines deutschen Vaters und einer polnischen Mutter 1883 in Breslau zur Welt gekommen ist, aber nach dem frühen Tod der Eltern bei der deutschen Großmutter in Pommern aufwächst, ehe sie als Lehrerin ins ostpreußische Memelgebiet geht und nach dem Zweiten Weltkrieg nach Heidelberg flieht, wo sie 1971 stirbt. Diese Olga Rinke hat also vier Gesellschaftssysteme durchlebt, und die Erfahrungen des ersten spielen noch in die Umstände ihres Todes im vierten hinein. Also wieder das literarische Spiel mit den Flüchen der Vergangenheit.

          Was „Olga“ aber ungewöhnlich macht im Schlinkschen Werk, ist die mehrstimmige Erzählhaltung des Buchs. Der erste Teil, der die Jahre bis in die frühe Heidelberger Zeit umfasst, ist aus auktorialer Sicht vorgetragen, der zweite über Olgas Tod hinaus dann aus der Ich-Perspektive eines mehr als ein halbes Jahrhundert jüngeren Pfarrersohns, für dessen Familie die Flüchtlingsfrau als Näherin arbeitete und die zu dem anfänglich noch jugendlichen Ferdinand ein intimes Vertrauensverhältnis entwickelte. Hier wird das aus „Der Vorleser“ vertraute Motiv einer wechselseitigen Faszination zwischen jungem Mann und älterer Frau wiederaufgenommen.

          Doch in „Olga“ ist der Altersunterschied zu groß, als dass er erotisch würde. Und dann kommen im abschließenden Teil die lange nach dem Tod der Verfasserin aufgetauchten Briefe, die noch einmal zurückführen bis ins Jahr 1913 und gerichtet sind an die große Liebe Olgas, die sie seit der Schulzeit nicht mehr losgelassen hat: an Herbert, den Abkömmling eines wohlhabenden pommerschen Gutsbesitzers, den es aus seinem vorgebahnten Leben ins Abenteuer trieb. Erst in das mit dem in der Nachbarschaft lebenden Waisenkind Olga und dann auf Entdeckungsreisen über die ganze Welt, während seine Geliebte in Deutschland auf ihn wartete. Bei den Briefen handelt es sich um diejenigen, die sie ihm auf die letzte Reise nachschickte, von der er nicht mehr zurückkehrte.

          Ein Experiment mit einer Schwäche

          Erst mit ihnen klärt sich das Geschehen der ersten beiden Teile, und Schlink agiert hier in der Manier seiner früheren Kriminalromane. Doch nicht die Lösung des Rätsels um Leben und Tod gleich mehrerer Protagonisten prägt das neue Buch, sondern das Porträt dessen, was Olga selbst ihr „holpriges Glück“ nennt, ein Erdulden über neun Lebensjahrzehnte hinweg, das seine Erklärung immer wieder in der Liebe findet, auch über völliges Unverständnis für den Geliebten hinaus: „Er beschloss, ein Übermensch zu werden, nicht zu rasten und nicht zu ruhen, Deutschland groß zu machen und mit Deutschland groß zu werden, auch wenn es ihm Grausamkeit gegen sich und gegen andere abverlangte. Olga fand die großen Worte hohl. Aber Herberts Wangen glühten und Augen leuchteten, und sie konnte nicht anders, als ihn verliebt anzuschauen.“

          Das sind typische Schlink-Sätze: prägnant, schnörkellos, emotional. Dass diesmal durch sie mehr von der Psychologie der Schuld vermittelt wird als deren Oberfläche, verdankt sich der Mehrschichtigkeit der Erzählweise. Aber es bleibt auch diesmal ein Roman, der eher auf inhaltliche Überraschung als auf Formanspruch setzt. Zwischen den drei Teilen wandelt sich die Sprache nicht genug, um die völlig unterschiedlichen Perspektiven auch ästhetisch zu rechtfertigen. Das Experiment bleibt rein handlungsgetrieben, wogegen nichts zu sagen wäre, hätte Schlink diesmal nicht Hoffnung auf mehr geweckt: auf die literarische Rechtfertigung seines Ruhms und seiner Verkaufszahlen durch noch anderes als bloße Spannungsdramaturgie.

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