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: Vom Froschkönig geliebt

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Es war - eine Art Liebe auf den ersten Blick: "Ich fand ihn ziemlich klein, ziemlich dick und ziemlich hässlich." Und er: interessierte sich eigentlich gar nicht für die große, junge Frau, die sein Freund, der Maler Georg Eisler, zu einem gemeinsamen Treffen in Wien mitgebracht hatte. Die Männer sprachen, wie immer, über Politik.

          Es war - eine Art Liebe auf den ersten Blick: "Ich fand ihn ziemlich klein, ziemlich dick und ziemlich hässlich." Und er: interessierte sich eigentlich gar nicht für die große, junge Frau, die sein Freund, der Maler Georg Eisler, zu einem gemeinsamen Treffen in Wien mitgebracht hatte. Die Männer sprachen, wie immer, über Politik. Die Frau stand dabei. Erst viel später wird Erich Fried erklären, Eisler habe ihm die Frau "zugeführt", als Geschenk für das Vorwort zu einer Monographie.

          Eine sonderbare Liebe, die da beginnt. Eine sonderbare Liebe zweier sonderbarer Menschen. Wie sie da stehen, auf dem Einband des Erinnerungsbuches, das Catherine Boswell Fried jetzt, zwanzig Jahre nach dem Tode ihres Mannes, veröffentlicht hat, und wie Sie es auch hier links auf der Seite sehen können: ein kleiner Schrat mit wirrem Blick und eine verschrobene Lady. "Mein Froschkönig" hat sie ihn in den mehr als zwanzig Jahren ihrer Ehe genannt. Und er hat sich, kurz nachdem die beiden beschlossen hatten, zusammenzubleiben, einen Schemel gebaut, auf den er sich stellte, um seine Frau küssen zu können.

          Bevor sich der Froschkönig jedoch endgültig entschloss, jene große Engländerin zur Frau zu nehmen, zog er eine Graphologin zu Rate. Denn Fried, damals, 1964, dreiundvierzig Jahre alt, hatte schon zwei Ehen hinter sich und aktuell eine zweite Bewerberin an der Hand. Also legte er einer vertrauten Graphologin Schriftproben der beiden Frauen vor, sie solle entscheiden. Und Catherine schreibt: "Sie wählte mich, und ich hatte danach den unbehaglichen Verdacht, dass mir der Sieg wegen der ausgefallenen Schrägschrift zugefallen war, die meine Mutter mir beigebracht hatte und die ich einfach nicht los wurde, wie sehr ich mich auch bemühte."

          Dieses Paar und diese Liebe exzentrisch zu nennen ist mächtig untertrieben. Gewöhnlich ist hier gar nichts, und es ist einfach wahnsinnig interessant zu sehen, wo und wie die erfolgreichsten politischen und romantischen Gedichte der deutschen Nachkriegszeit entstanden sind. Es war ein Leben zwischen totaler Politisierung und totaler Romantik in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren in London, wo Fried seit seiner Flucht aus Österreich im Jahr 1938 lebte.

          Das Haus der beiden war immer voll. Vor allem mit politischen Besuchern aus Deutschland, Weltbefreiern, Kommunisten, Sympathisanten der RAF. Alle kamen, wann sie wollten, diskutierten, tranken, wohnten bei den Frieds, manchmal für Monate. Mal wurde ein "freundlicher Schizophrener" aus einer Klinik bei ihnen einquartiert, mal andere Sonderlinge: "Da war beispielsweise Max, der verrückte Therapeut, der, wie es hieß, mit der Axt auf einen Patienten losgegangen war und die Zulassung verloren hatte. Erich war weg, als er vor der Tür stand, also ließ ich ihn im Schuppen wohnen. Wir tranken zusammen Tee, während er auf dem Küchentisch Kiesel arrangierte und grübelte, ob es wohl neolithische Münzen sein konnten." Max blieb, zusammen mit einer Barbara, die er seine Sklavin nannte und die ihm die schmutzigen Füße in der Spüle waschen musste. Zu einer Abreise war er nicht zu bewegen, erklärte den Schuppen zur "Befreiten Zone" und schmierte esoterische Zeichen an die Wände.

          Das Buch ist voller dieser Momente, in denen die totale Freiheit einiger Idioten zur Einschränkung der Freiheit der Toleranten führt. Es steckt sehr viel Glück in diesem Erinnerungsbuch, aber auch eine ganze Menge versteckte Bitterkeit und leise Wut über die politischen Freiheitsprediger. Denn natürlich war es auch im Falle des Axt-Therapeuten Max so, dass Erich Fried, nachdem er zurückgekehrt war, nichts Besseres zu tun hatte, als sich gegen seine Frau auf die Seite des verrückten Gastes zu stellen. "Es war wohl vorauszusehen, dass er sich mit ihm gegen uns verbündete; er hielt immer zu den Underdogs. Doch seine Auffassung von Exzentrik, in diesem Fall purer Wahnsinn, war noch schiefer als meine."

          Alles ist politisch in diesem Leben, in dieser Liebe. Im Alltag muss das ungeheuer anstrengend gewesen sein, vor allem für den Teil der Familie, der zwischen all diesen Freiheitsbegeisterten den Laden zusammenhalten musste: "Manchmal schienen die Leute richtiggehend darum zu wetteifern, wer der politisch Bewussteste war, und versuchten, andere zu überrumpeln. Und der Dümmste, dieser Andere, war am Ende fast immer die Hausfrau mit ihren lächerlichen Vorsätzen, ständig zur gleichen Zeit ein Essen parat zu haben und das Haus einigermaßen sauber zu halten, wobei die Profis in der Regel ganz froh über das warme Essen und die saubere Bettwäsche waren, wenn es ihnen gerade passte."

          Catherine Fried stellt das Leiden unter diesen Freiheitsfreaks aber überhaupt nicht heraus. Im Gegenteil: Das Buch ist voller Liebe, Verständnis und Bewunderung für ihren Froschkönig. Fröhlich erinnert sie sich, dass die Namen ihrer gemeinsamen Kinder von Rudi Dutschke politisch abgesegnet werden mussten oder dass sich Fried, wenn er in Ruhe dichten wollte, selbst in den Laufstall setzte und den Kindern das Haus zur Verfügung stellte. Es hatte schon sehr viele idyllische Seiten, das kommunistische Familienleben.

          Doch eine Passage des Buches reißt das politische Liebesglück irgendwie doch beinahe entzwei. Sie sind gerade in Heidelberg, in einer Wohnung von Freunden, blicken auf das Schloss, Erich hat Bohnen für sie gekocht, arbeitet viel, wie immer. Gerade stellt er einen Gedichtband fertig, Liebesgedichte. Sie werden sein erfolgreichstes Buch werden, Hunderttausende werden damit Fried als Liebenden kennenlernen und die Gedichte auswendig lernen, an Wände sprühen und über ihre Betten hängen. Doch diese Gedichte hat er nicht an seine Frau geschrieben. Sie sind die Chronik einer der zahlreichen Liebesaffären des Froschkönigs. Catherine Fried notiert auch das wie nebenbei. Es ist, was es ist, sagt die Liebe.

          VOLKER WEIDERMANN

          Catherine Fried: "Über kurz oder lang". Aus dem Englischen von Eike Schönfeld, Wagenbach, 140 Seiten, 15,90 Euro

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