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Voltaire-Schrift bei Reclam : Darin steckt auch Beifall fürs Taschenbuch

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Ein „Sklave all dessen“ was ihn umgibt: Voltaire stellt in seinen Werken Fragen nach Herkunft und Endlichkeit des Lebens. Bild: picture alliance / dpa

Man muss schon wissen, warum man darauf besteht, einige grundlegende Dinge nicht zu wissen: Eine kleine Schrift Voltaires in einer neuen deutschen Übersetzung.

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          „Wer bist du? Woher kommst du? Was tust du? Was wird einmal aus dir?“ Diesen Fragen wird sich niemand verschließen können. Voltaire stellt sie an den Beginn einer kleinen philosophischen Untersuchung, um den Leser für sich zu gewinnen, der den Gedanken an seine Herkunft mit dem ganzen Lebensvollzug und seiner Endlichkeit in Verbindung bringen will. Dabei sieht sich der Autor als „ein Sklave all dessen“, was ihn umgibt, und von dieser „Uner­messlichkeit umringt“ beginnt er, nach sich selbst zu forschen. Was hier an Erkenntnis zu gewinnen ist, scheint allerdings ungewiss. Voltaire hat seiner 1766 anonym in Genf publizierten Schrift, die nun in einer neuen deutschen Übersetzung vorliegt, den Titel „Der unwissende Philosoph“ gegeben. Das kann auf die Zweifel hindeuten, die sich bei der Suche nach einer Antwort auf jene elementaren Fragen stellen, oder auf die Instrumente, die sich aus der Skepsis entwickeln lassen, um sich einer Erklärung zu nähern.

          Was die Philosophie nicht leisten kann, zeigt Voltaire gleich eingangs am Beispiel eines prominenten Gegners: René Descartes. Die Entgegensetzung von Körper und Geist, wie sie Descartes in seiner Zweisubstanzenlehre vertreten hatte, ist für Voltaire unhaltbar, schon aufgrund der physikalischen Voraussetzungen, die für ihn von „einer so enormen Lächerlichkeit“ sind, „dass ich allem misstrauen muss, was er mir über die Seele sagt, nachdem er mich dermaßen falsch über die Körper belehrt hat“.

          Die von Descartes betriebene Suche nach ersten Prinzipien führt für Voltaire zu nichts. Das über sich selbst nachdenkende Ich bleibt für ihn obskur, was zu einem Er­schrecken darüber führt, „dass wir uns be­ständig suchen, uns aber niemals finden. Keiner unserer Sinne ist erklärbar.“ Wenn dem Menschen der Einblick in das Wesen der Dinge verwehrt ist („Geheimnis der Natur“), muss er – hier folgt Voltaire Newton und Locke – umgekehrt von den Tatsachen ausgehen, um die Ordnung der Welt und eine kleine Zahl von Eigenschaften der Materie zu erkennen, soweit diese objektiv ausweisbar sind.

          Voltaire: „Der unwissende Philosoph“. Aus dem Französischen von Ulrich Bossier. Nachwort von Tobias Roth. Reclam Verlag, Ditzingen 2022. 108 S., br., 6,– Euro.
          Voltaire: „Der unwissende Philosoph“. Aus dem Französischen von Ulrich Bossier. Nachwort von Tobias Roth. Reclam Verlag, Ditzingen 2022. 108 S., br., 6,– Euro. : Bild: Reclam Verlag

          Die „gelehrte Unwissenheit“

          Die Verabschiedung des cartesianischen Paradigmas führt dabei zugleich, das lässt sich auch bei Zeitgenossen wie dem Göttinger Philosophen Samuel Christian Hollmann (1696 bis 1787) beobachten, zu der Vorstellung einer „gelehrten Unwissenheit“, bei der wir deutlich erfassen und auch Gründe dafür angeben können, wa­rum etwas epistemisch unsicher bleibt.

          Mit der Wendung zur Empirie sah sich Voltaire genötigt, eine Grenze gegenüber dem Materialismus und Atheismus der ra­dikalen Aufklärung zu ziehen. Bei der Be­trachtung der mechanischen Gesetze, die im Universum herrschten, ergreift ihn nicht die Angst vor der Gleichgültigkeit und Nichtigkeit des menschlichen Lebens, sondern „Bewunderung und Ehrfurcht“ vor dem Werk des Schöpfers. Voltaire ist Theist, ohne sich einer bestimmten Religion zu unterwerfen: „Welches von all den Systemen, die sich die Menschen über die Gottheit ausgedacht haben, soll ich mir zu eigen machen? Keines – außer dem, dass ich zu ihm bete.“

          Den Gottesbegriff Spinozas lehnt Voltaire ab, da dieser in der Schöpfung keinen zweckgerichteten Plan erkennt. Was aber nicht bedeutet, dass man unsere Welt für perfekt eingerichtet halten dürfe, im Ge­genteil. Dass Gott nur die beste aller mög­lichen Welten habe schaffen können, wie Leibniz – der Name fällt nicht – in seiner „Theodizee“ behauptet, wird von Voltaire ironisch, ja spöttisch kommentiert, indem er auf Grausamkeit, Indifferenz und Stumpfheit seiner Mitmenschen verweist. Diese Passagen erinnern an seinen „Can­dide ou l’Optimisme“ (1759), von dem al­lein im Erscheinungsjahr zwanzig Ausgaben gedruckt wurden.

          Die Theodizee-Frage war damit ge­nannt, aber noch nicht gelöst. Voltaire be­antwortet sie mit der allgemeinen Vorstellung von Recht und Unrecht, welche uns die „allerhöchste Intelligenz“ eingegeben habe: der „Glaube an die Gerechtigkeit“ sei für das Menschengeschlecht „von unbedingter Notwendigkeit“. Allein diese als universell verstandene Moral kann ein „Ge­gengewicht“ zu unseren als verhängnisvoll betrachteten Leidenschaften bilden und das Übel in der Welt begrenzen; als solche ist sie in hohem Maße konsensfähig und für Voltaire von allen Philosophen in allen Kulturen gelehrt worden. Doch mit welchem Erfolg? Das Theodizee-Problem hinterlässt eine Unsicherheit, auf die wiederum nur mit Skepsis reagiert werden kann, weil die Menschen ihr Verhalten nun einmal „nach Brauch und Gewohnheit ausrichten und nicht nach der Metaphysik“. Dennoch hat sich Voltaire von seiner kleinen Einführung in die Philosophie eine aufklärende Wirkung erhofft, da, wie er in einem Brief festgehalten hat, schwere „Folianten“ niemals eine Revolution bewirken werden: „Es sind die kleinen Taschenbücher zu 40 Sous, die man zu fürchten hat.“

          Voltaire: „Der unwissende Philosoph“. Aus dem Französischen von Ulrich Bossier. Nachwort von Tobias Roth. Reclam Verlag, Ditzingen 2022. 108 S., br., 6,– Euro.

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