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Tauwetter in Kopenhagen: Mit "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" hatte der dänische Schriftsteller Peter Høeg 1994 einen Welterfolg. Sein neuer, nach fast zehn Jahren Funkstille erschienener Roman versucht, an frühere Themen und Motive anzuknüpfen. Nebenbei versucht sich Høeg auf Kosten einer schlüssigen ...

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          Tauwetter in Kopenhagen: Mit "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" hatte der dänische Schriftsteller Peter Høeg 1994 einen Welterfolg. Sein neuer, nach fast zehn Jahren Funkstille erschienener Roman versucht, an frühere Themen und Motive anzuknüpfen. Nebenbei versucht sich Høeg auf Kosten einer schlüssigen Handlung als Religionsphilosoph, Musiktheoretiker und Frauenversteher.

          Von Jochen Hieber Kaspar Krone, der Held in Peter Høegs neuem Roman "Das stille Kind", wird bei einem Duell in Kopenhagens Konon-Bank schwer verletzt: Bauchdurchschuss. Dennoch übersteht er gleich danach auch den Kampf mit einem Bodyguard des Wirtschafts- und Gangsterbosses. Folge dieses Mal: Schädelbruch. "Du verblutest", sagt sein Gefährte. Aber statt ins Krankenhaus lässt sich Krone durch die halbe Stadt fahren, um einen sinistren Professor für Bewusstseinsforschung zu befragen, telefoniert zudem mit seiner Agentin, schaut kurz in seinem Wohnmobil vorbei, wird dabei festgenommen, im Polizeipräsidium verhört und schließlich, man will ihn ausweisen, zum Flughafen Kastrup gebracht, wo er in der Abschiebezelle Johann Sebastian Bachs "Chaconne" auf der Geige spielt und mit seinem schwerkranken Vater vermeintlich letzte Worte wechselt. Erst dann naht in Gestalt der schwarzen Schwester Gloria erste Hilfe. Wie hatte der höhere Jusitzbeamte Mørk auf die fürsorglichen Vorhaltungen seiner Assistentin bei Krones Verhör doch so schön geantwortet? "Er stirbt nicht. Er ist aus einem andern Stoff als andere Menschen. Vielleicht einer Art Plastik."

          Artisten ohne Zaubertricks.

          Nun sind wir als Leser, Kinogeher und Fernsehzuschauer von der Gattung Thriller ja eine ganze Menge gewohnt - und gerne bereit, auch viel Unwahrscheinliches, ja selbst Hanebüchenes in Kauf zu nehmen, wenn es denn auch nur irgendwie dem Handlungsfortgang und der Spannungsfindung dient. Das gilt für Dan Browns Hauptfigur, den "Symbologen" Robert Langdon, ebenso wie für den Ahnherrn des Genres, Ian Flemings James Bond. Das gilt für die Schlusskapitel von Frank Schätzings Riesenroman "Der Schwarm", in denen er seine schöne Wissenschaftlerin in direkte Verhandlungen mit dem Unterwasserreich der "Yrr" treten lässt. Das galt und gilt naturgemäß auch für Peter Høegs hierzulande 1994 erschienenes Winterepos "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" und dessen allegorisches Finale tief im Inneren einer Eisinsel.

          "Das stille Mädchen" schließt so unübersehbar wie absichtsvoll an den früheren Welterfolg des nun bald fünfzigjährigen Autors an. Wie Smilla Jaspersen ist Stine Claussen, die große Liebe des Helden, von Beruf eine Land und Meer vermessende Geodätin, Spezialgebiet Erdbeben. Wie Smilla ist Kaspar Krone ein gesellschaftlicher Außerseiter - was ihr die mütterlicherseits grönländische Herkunft an Problemen beschert, gleicht er durch die Einsamkeiten des Zirkusartisten locker aus. Immerhin, Krone ist als Clown weltberühmt, seine Tourneen haben ihn auf alle Kontinente geführt. Behauptet jedenfalls - wie so vieles andere auch - der Erzähler der Romans fortwährend. Beschrieben, geschildert, gezeigt wird Krones außerordentliche Kunstfertigkeit indes nie, keines Auftritts werden wir gewürdigt, keines Tricks teilhaftig - mit der deutschen Manegendynastie des "Zirkus Krone" hat dieser Artist übrigens nur den Nachnamen gemein.

          Ein Herz für Kinder.

          Mit Smilla indes verbindet ihn zuallererst ein großes Herz für Kinder: Was ihr der kleine Jesaja war, ist ihm, dem Zweiundvierzigjährigen, ein zehnjähriges Mädchen, die kokett zusammengeschriebene "KlaraMaria". Wenn sie mal Probleme bekomme, "wenn es richtig schlimm wird, kommst du mir dann helfen?", fragt sie. Und da die Probleme sofort einsetzen (KlaraMaria wird entführt), beginnt mit dem Roman auch sogleich dessen Verhängnis. Alle atmosphärischen und erzählerischen Tugenden, die Høeg auf weiten Strecken der Winterreise von 1994 unter Beweis stellte, sind im Vorfrühlingsroman "Das stille Mädchen", er spielt im dänischen April, weggeschmolzen wie der Schnee unter Kaspars Schuhen.

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