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Volker Kutscher: Die Akte Vaterland : Das war der wilde Osten

Historisch stimmig und detailliert

Der Mann, der ihn schließlich doch aus dem Schlamm zieht, ist neben Rath die zweite Hauptfigur dieses Romans, ein Eremit und Ost-Indianer, den in Masuren alle nur den „Kaubuk“ nennen, weil er wie ein Unhold aus dem Märchen in den Wäldern haust. Mit besonderer Liebe zeichnet Kutscher in seinen Büchern solche Außenseiter, nicht nur, weil sie ein willkommenes Element der Unordnung ins glatte Kalkül des Krimis bringen, sondern auch, weil in ihnen jene Poesie steckt, die das kettenrauchende und mit der Halbwelt klüngelnde Rauhbein Rath in sich unterdrückt. Ihr Gegenbild sind jene enthemmten Spießer, in denen sich, wie in dem zwielichtigen Schnapsbrennereidirektor Wengler, der amoralische Geist einer Gesellschaft verkörpert, die bald für jede national verbrämte Schandtat zu haben sein wird.

Wie stets bei Volker Kutscher kann man sich darauf verlassen, dass die historischen Details der Handlung stimmen. Das Städtchen Treuburg, heute Olecko, gibt es tatsächlich, ebenso wie die masurische Glumse, ein Quarkgericht, das Gereon Rath dort im Hotel „Salzburger Hof“ verspeist, und sogar der dunkelhäutige Wildwestdarsteller Mohamed Husen, den die Kommissaranwärterin Charlotte Ritter bei ihrer Undercover-Recherche im „Haus Vaterland“ kennenlernt, hat wirklich existiert; nach 1934 trat er in zahlreichen Ufa-Filmproduktionen auf und starb zehn Jahre später, wegen „Rassenschande“ inhaftiert, im KZ Sachsenhausen.

Die Verführungskraft eines Suchtmittels

In dieses faktische Korsett fügen sich die fiktiven Elemente der Geschichte zwanglos ein. Der Hauptschurke treibt einen lukrativen Schmuggel mit gepanschtem Branntwein, der über Berlin nach Amerika verschifft wird, wo seit 1919 die Prohibition regiert. Eines der Mordopfer ist ein Verkehrspolizist, der die noch von Hand gesteuerte Ampelanlage auf dem Potsdamer Platz bedient. Dass er von einem Mann getötet wird, der in die Kleider eines seiner Kollegen geschlüpft ist, gehört zu den leisen Pointen, die Kutscher mit Vorliebe setzt: In Preußen genießt die Uniform eben immer noch blindes Vertrauen.

Der Erzähler Kutscher schwächelt interessanterweise gerade da, wo er die Erwartungen des Krimilesers bedienen zu müssen glaubt. Der Showdown in der masurischen Seenlandschaft wirkt wie eine Pflichtübung, auch die allmählich in Richtung Heirat voranschreitende Liebesgeschichte zwischen Rath und „Charlie“ Ritter nimmt mehr Raum ein als notwendig. Lieber hätte man noch Genaueres über die unheilige Allianz zwischen SA-Schlägern, Inflationsgewinnlern, Presse und Beamtentum im 1932 bereits tiefbraun gefärbten Ostpreußen erfahren. Oder eben über die Folgen des „Preußenschlags“.

Dennoch hat auch dieser Roman, wie alle bisherigen Folgen der Rath-Serie, die Verführungskraft eines Suchtmittels: Man kann ihn nicht aus der Hand legen, ehe man ihn ausgelesen hat. Wer über die Berlin-Literatur der nuller und der zehner Jahre nachdenkt, sollte Volker Kutschers Kostümkrimis nicht vergessen, in denen vielleicht mehr zeitgeschichtliche Substanz steckt als in vielen Ich-Geschichten aus Kreuzberg und Friedrichshain. Noch über vier Bände hin will Kutscher die Geschichte von Gereon Rath weitererzählen, bis zu den Olympischen Spielen von 1936. Er schickt seinen Kommissar, der glaubt, sich die Politik vom Leib halten zu können, ins Herz der Finsternis. Und wir werden ihm neugierig dorthin folgen.

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