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Vladimir Sorokins neuer Roman : Und der russische Houllebecq halluziniert

  • -Aktualisiert am

Rechtzeitig zum sechzigsten Geburtstag ist sein jüngster Roman in deutscher Übersetzung erschienen: Vladimir Sorokin. Bild: dpa

Fliegende Kreuzritter, schwule Stalin-Hipster und ein türkischer Bundeskanzler, der Deutschland von den Taliban befreit: Vladimir Sorokin, das führende Monster der russischen Literatur, hat wieder gewütet.

          Die alte Sowjetunion, der Traum vom großen Russland, ist für Vladimir Sorokin der stinkende Leichnam, der zu begraben vergessen wurde und deshalb als untoter Zombie umgeht. Sorokin lebt nicht schlecht vom Leichenfleddern. Seit seinen Anfängen als Untergrundautor und Konzeptkünstler hat er die Mythen des Kommunismus immer wieder genüsslich ausgeweidet und bis hin zum pornographisch-kannibalischen Exzess dekonstruiert. In „Die Norm“ etwa war die Sowjetunion buchstäblich ein Haufen Exkremente; in seiner „Ljod“-Trilogie klopfte eine exklusive Brüderschaft die verhärteten Herzen von 23.000 Erwählten mit Eispickeln und Hämmern auf. Die meisten überlebten ihre Erweckung nicht, aber das waren taube, „hohle Nüsse“.

          Auch in „Telluria“, Sorokins neuem Roman, wird das Glück eingehämmert, wenn auch nur auf Wunsch und nicht ins Herz, sondern direkt ins Hirn. Wer seine geheimsten Träume erfüllen will, wer Erleuchtung, Freude und Frieden sucht, Heilung von Alzheimer, Autismus und Krebs oder wenigstens eine neue Sicht der Dinge, lässt sich von Zimmermännern einen Tellurnagel in den Kopf treiben. Die Nägel sind teuer, das Risiko ist hoch, aber alle reißen sich um die Wunderdroge. Unter Tellureinfluss kann man eine Katze aus dem brennenden Haus retten, einen Phallus-Harem beisammenhalten, die Nachfolge Christi antreten oder dem Kommunismus wieder auf die Beine helfen. Natürlich ist alles nur halluzinogener Surrealismus, aber er ist hellsichtig und hat Nebenwirkungen in der Realität: Als die Frau des Revieraufsehers auf dem Wespen-Trip ihre im Kreml befruchteten Eier in einem Entbindungsheim ablegen wollte, wurde sie von einer Fliegenklatsche erschlagen.

          Der dreizehnte Kreuzflug

          Wie so oft bei Sorokin ist die Welt eine postsowjetische, posthumane Dystopie mit retrofuturistischen Zügen. In „Der Schneesturm“ spannte er zuletzt Pferdeschlitten und Petroleumlampen mit Lasertechnik und Designerdrogen zu einer Satire auf den russischen Wahnwitz von gestern, heute und morgen zusammen. Auch „Telluria“ ist ein Durcheinander von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, eine zeitgenössische Parabel im Gewande von Science-Fiction und Tolstois Realismus. Die wenigen Autos fahren mit Kartoffelgas, Hauptverkehrsmittel ist das Pferd. Radio ist Fernsehen mit drei Staatssendern; das „Grips“, eine Art Steampunk-Smartphone, kann sich auch als Pasta materialisieren. Neben Nomaden, Nerds und Schnapsbrennern, chinesischen Akrobaten und französischen Kreuzrittern tummeln sich in „Telluria“ auch allerlei groteske Tier- und Mischwesen: genmanipulierte Riesenpferde, winzige Elfen, hundsköpfige Wanderphilosophen, schwule Stalin-Hipster oder eine Eselin aus dem Allgäu, die Magd auf dem Monte Verità werden will.

          Vladimir Sorokin: „Telluria“. Roman. Aus dem Russischen vom Kollektiv Hammer und Nagel. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. 414 S., geb., 22,99 €.

          Nicht weniger verwirrend sind die politischen Verhältnisse. Die Sowjetunion ist in fünfzehn Staaten zerbrochen und, wie der Doktor in „Schneesturm“, von marodierenden Chinesen umzingelt; das dekadente Europa befreit sich gerade aus dem Griff salafistischer Gotteskrieger. Moskowien ist eine kommunistisch-orthodoxe Theokratie, die SSSR ein von Oligarchen betriebener Stalin-Vergnügungspark, die Demokratische Republik Telluria wird seit 2028 von den UN als Drogenstaat geächtet. In Köln wird nach einem islamistischen Interregnum erstmals wieder Karneval gefeiert, in den Pyrenäen ruft der Großmeister der fliegenden Tempelritter zum dreizehnten Kreuzflug auf.

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