https://www.faz.net/-gr3-6lmwc

Vladimir Nabokov: Ada oder Das Verlangen : Einladung zur Peepshow auf dem Planeten Antiterra

  • -Aktualisiert am

Bild: Rowohlt

„Ada oder Das Verlangen“ ist überladen, hektisch, schräg und eigentlich kaum zumutbar. Doch dann leuchtet auch aus diesem kostbar edierten Roman Vladimir Nabokovs das luziferische Licht.

          6 Min.

          Kein Romancier des vergangenen Jahrhunderts scheint Gott derart nahe gekommen zu sein wie Vladimir Nabokov: So unglaubwürdig groß war seine Schöpferkraft, so diamanten, komisch und überraschungstoll sein Stil, so unerfindlich jedes Detail, das er ersann, und unerhört dabei jede Metapher, so thrillerstark seine Plots und lebendig sein Personal, dass die Kollegenschaft, von Martin Amis bis Mario Vargas Llosa, sich vor ihm fast sprachlos verneigte. Und sie war darin nicht allein.

          Denn als Nabokov höchstselbst nach seinem Standort in der Literaturlandschaft gefragt wurde, erwiderte er, er hätte eine „fabelhafte Aussicht von hier oben“; und was er als eine Art Dozent für Angewandte Infamie in seinem Band „Deutliche Worte“ an Exkommunikationen übriger Autoren vom Stapel ließ, hatte immer etwas von Jehovas Alleinanspruchsgetöse aus dem brennenden Dornbusch im Alten Testament: „Ich bin der ich bin - habt also gefälligst keine anderen Schriftsteller neben mir.“ Aber sogar solch himmelschreiende Vermessenheit sah man ihm gerne nach. Denn nur bei ihm war das im Grunde Undenkbare Literatur geworden.

          Dem Tod ist jede Gewalt geraubt

          Hazel Shade im „Fahlen Feuer“ oder die „Schwestern Vane“ - gütige Gespenster gaben Klopfzeichen von jener anderen Seite hinter der Spiegelwand, an die noch jene glauben, die behaupten, sie glaubten nicht mehr an sie. In Nabokovs Welt war der Tod jeder Gewalt beraubt: Ihn hatte er zum bloßen literarischen Kunstgriff eines überirdischen Wesens erklärt, als dessen Bauchredner er auf seiner Romanbühne ganz offen selbst fungierte. Nabokov zu lesen bedeutete immer, noch das Herz des Eichhörnchens durch den Kosmos schlagen zu hören, weder einsam noch ein Fremder und jeder Schwermut wie durch Zauberhand enthoben zu sein.

          „Nabokov“ - das hieß, ein Zuhause zu haben in jenem still verborgenen Garten, den er aus der Erinnerung an die Kindheitssommer auf dem Landsitz Wyra immer wieder zum Leuchten brachte: als das Luxushotel Mirana in „Lolita“, das Königreich Zembla im „Fahlen Feuer“ und zuletzt als Ardis Hall in „Ada“, des siebzigjährigen Nabokov letztem Opus Maximum. Im Hotelgarten des Montreux Palace, in dem er als Dauergast logierte, nutzte er um 1967 „Ada“ für alles Träumen über das ihm entrissene Wyra, das sein Eden gewesen war. Dort, hatte er erfahren, würde niemand jemals zum Sterben verurteilt sein.

          Immer ein bißchen über dem eigenen Niveau

          Schlug man seinen Nabokov auf, las man zwar meist ein bisschen über dem eigenen Niveau, amüsierte sich jedoch trotzdem prächtig dabei: Nabokovs Shakespeare-Größe ermaß sich auch daran, dass er in den Kanon der sprachakrobatischen Modernisten wie Joyce, Musil, Virginia Woolf nie einzubürgern war, die über der Form die Handlung verzichtbar erscheinen ließen, bis das Werk nicht genossen, sondern dechiffriert werden wollte wie ein von abgrundbösen Geheimagenten ersonnener Code, der für niemanden mehr bestimmt zu sein schien.

          Nabokov indes hielt stets die Balance. Nie ging er von einer Situation oder gar einer These aus, um sie dann von Figuren verkörpern zu lassen: Allmorgendlich spann er in der Badewanne gedanklich an seinen wechselvollen Plots und Gestalten fort, bis das Werk im Ganzen glücklich in seinem Kopf vollendet war und er es sich, von einer Wortbrücke zur nächsten, auf Karteikarten mit radiergummibewehrtem Bleistift erschrieb.

          „Ada“ ist kein Meisterwerk

          So kam es, wie John Updike einst sagte, dass Nabokov das Paradies brachte, wo auch immer er sich niederließ: Noch jeden Band der von Dieter E. Zimmer international unerreicht edierten „Gesammelten Werke“ haben Nabokov-Süchtige mit der trocken brennenden Kehle von Weinliebhabern erwartet, die selbst den teuflischsten Kater nicht scheuen - und um wie viel mehr jenen einen Roman, „Ada“, der nach dem „Sebastian Knight“, „Lolita“, „Pnin“ und dem „Fahlen Feuer“ als Nabokovs fünftes und ultimatives Meisterwerk gilt.

          Und das ein Meisterwerk auch nach dreimaliger Lektüre nicht ist, einfach weil der vor schierer Trivialität schutzlose Plot den Kanonaden zielloser alliterativer Verspieltheiten, Scrabble-Partien und schwulstender Nebensätze nicht standhalten kann und Nabokov selbst gegen alle Dekrete verstößt, die er seinen literarischen Gegnern einst auferlegt hat.

          Inzest von Geschwistern als letztes Tabu

          Die Existenz von „Ada“ ist kein Muss - Seite für Seite überfällt einen das Gefühl, alles könnte ganz anders und oft besser geschrieben sein, und so fragt sich, warum es diesen Roman überhaupt gibt? Ursprünglich wollte Nabokov einen Essay verfassen über Wesen, Werk, Wirkung der Zeit. Er scheiterte; nahm Versatzstücke daraus, erfand sich Figuren dazu, die nie zum Leben erwachen, affektierte Erotikmarionetten eines Gepetto, der offenbar letztmalig die ganz große Sau rauslassen wollte - aber nicht grob lüstern natürlich, sondern fein ziselierend wie ein Hieronymus Bosch.

          Nach der Pädophilie in „Lolita“, auf die Nabokov in „Ada“ mehrfach paradiesvogelstolz verweist, stand nur noch ein Tabu zur Verletzung an: das des fröhlichen Geschwisterinzests. Doch konnte Nabokov kaum weiter gehen als in „Lolita“ mit der Masturbationsszene Humberts angesichts seiner wie toten Stieftochter in spe, und so verwundert es nicht, dass ihm „Ada“ mehr Sorgen machte als jedes andere seiner Werke zuvor und er sich von der Niederschrift unentwegt ablenken ließ. Plot und Figuren, beide Totgeburten von vornherein, verwischten sich mehr und mehr, und wild wucherten die Widersprüche. Nabokov schrieb mit allzu gebieterischer Hitzigkeit, türmte in etwas mehr als einem Jahr seine Karteikarten beinah unbesehen auf wie ein Beamter seine Akten und reicherte an, statt zu streichen und die Widersprüche aus dem Romanverkehr zu ziehen.

          Die Erde als Ort des Jenseits

          Die im lasziv klebrigen Nebel verirrte Handlung dieses als Autobiographie des Privatgelehrten Van Veen getarnten Romans überhaupt wiedergeben zu müssen kommt der Zumutung gleich, Veens Lieblingsbordell „Villa-Venus-Club“ beitreten zu müssen: Auf einem Planeten namens Antiterra, dessen verschroben hellsichtige Intellektuelle unseren Planeten Terra für das Jenseits halten, verlieben sich in Ardis Veen und Ada, erkennen nach anatomisch waghalsigen Endloskopulationen, dass sie Geschwister sind, und kommunizieren nun eben getrennt voneinander geschlechtlich um die Wette; Veen wird nebenher Autor, Ada Schauspielerin; „Klein Lucette“, beider Halbschwester und „taufeucht“ sexbereite Seejungfrau, hat es mit Ada und schliefe gern auch mit Veen, der onaniert, um seiner Ada nicht mit Lucette untreu zu werden. Und die um Veens Ejakulation geprellte Lucette? Wirft sich, eine zweite Ophelia, über Bord eines Liniendampfers.

          Aber selbst in dieser vielzitierten Szene mangelt es dem Autor an jener Güte, die er in seinen Interviews immer als Tugend schlechthin anpries. Erst die letzten Seiten bieten ein wenig von Nabokovs gewohnter Brillanz, da sie einmal nicht wackersteinschwer alltägliche Nichtigkeiten so lange polieren, bis man sie für Juwelen halten soll.

          Erotische Schönhheit nur selten

          Nur gelegentlich leuchtet ein fragiles luziferisches Licht aus den delikat gedachten Zeilen und gibt erotische Schönheit her, so wenn Van Veen Körperdetails - Adas „mit einem winzigen Aquamarin gestirnte Hand“ - wie übersinnliche Offenbarungen umschwärmt und die „dunkelbraune Iris ihrer ernsten Augen“ mit der „rätselhaften Opazität eines orientalischen Hypnotiseurs“ vergleicht. Einmal exakt und nicht wie in dieser Neuedition ungeschickt übersetzt: „Das Pathos der Handwurzel, die Grazie der Fingerglieder verlangten nach hilflosen Kniefällen, einem Schleier überströmender Tränen, nach Agonien unverbrüchlicher Anbetung. Er berührte ihren Puls wie ein sterbender Doktor.

          Ein stiller Irrer, liebkoste er die parallelen Striche filigranen Flaums, das den Unterarm des brünetten Mädchens schattierten.“ Ansonsten bleibt Nabokov außer Hörweite des Lesers und versponnen in sich selbst und fällt mitsamt Adas „Haut gleich Satin aus Samarkand“ vom Himmel seiner Meisterschaft in schalen Prunk und trunken ornamentalen Kitsch: ein Unterleibsschriftsteller im Maßanzug.

          Von erschreckender Hilflosigkeit

          „Er war vierzehneinhalb; er war brennend und brünftig; er würde sie eines Tages wild besitzen!“ Auch an fremdsprachlich verbrämten Vulgärkalauern fehlt es nicht: all dem also, was Nabokov an den „schwülen Bestsellern“ seiner Jahre, „geil und öde“, zum Erbrechen fand. Vor allem der Groschenheftstil eines D. H. Lawrence widerte ihn an; und doch kehrt in „Ada“ des Wildhüters Gemächt aus „Lady Chatterley“ wortwörtlich wieder als Van Veens „Zauberstab“.

          Lawrence wäre entzückt gewesen: Mit „Ada“ hat sich Nabokov einen Rummelplatz geschaffen mit eigener Peepshow und ihren verstaubt anzüglichen Charaden von Sexkapaden, mit Dialogen, die Monologe sind und handwerklich von erschreckend monströser Hilflosigkeit - und mit einer Schießbude, an der er altbewährt auf seine Kollegen zielen kann wie auf Proust, Henry James, T.S. Eliot, Jorge Luis „Osberg“ Borges, Thomas Mann und William Faulkner, die er zu einem einzigen, natürlich ungenießbaren Autor namens Falknermann zusammenzwingt.

          Hitler-Witzelei ist eine unverzeihliche Geschmacklosigkeit

          Der seit jeher tödlich gehasste Sigmund Freud führt in „Ada“ als Dr. Sig Heiler eine Nervenklinik, und dieses den „Wiener Quacksalber“ verhitlernde Gewitzel ist bei einem Menschen, der den Konzentrationslagern der Nazis eben noch entging, eine unverzeihliche Geschmacklosigkeit, die geistig auch nicht sehr weit entfernt ist von dem, wovor Freud ins Londoner Exil fliehen musste - und was unterscheidet einen „subhumanen Jungtrottel“, wie Van Veen einen lästig lärmenden Motorradfahrer nennt, vom „Untermenschen“?

          Es dürfte auch kaum sein Anliegen gewesen sein, dass man die Autoren, die er fern aller Pietät so scharfrichterlich beleidigt, plötzlich statt seiner lesen und zuletzt auch Nabokov vor Nabokov selbst in Schutz nehmen möchte - aber zu spät: Unendlich tief ist die Fallhöhe eines Genies, und wenn es ein Nabokov ist, der stürzt, dann sieht der Krater, den er in die Erde schlägt, besonders hässlich aus. Beschönigen lässt sich alles, und gewiss werden sich manche Exegeten weiterhin den Irrtum gönnen, „Ada“ sei ein Meisterstreich. Dem normalsterblichen Rest aber bleiben die Tore zu Ardis Hall für immer verschlossen.

          Nabokov hat sein Publikum vergessen

          So hat der Gott unter unseren Romanciers einmal zu viel vom selbstgekelterten Wein getrunken und dabei sein Publikum vergessen - und doch gehört „Ada“, diese globale Katastrophe im nabokovschen Universum, nicht in jene Alterswerk-Erschöpfungsphase, von der es bei anderen Großautoren immer heißt, sie hätten ihr Bestes schon hinter sich und sprächen nur mehr mit sich selbst. Denn nach „Ada“ hat sich Nabokov noch einmal seiner Gabe zur Lakonie entsonnen und legte mit den „Durchsichtigen Dingen“ 1972 - im Band zwölf von Zimmers Werkausgabe - ein solches Prachtstück hin, dass einem vor Freude und Leseglück ein ums andere Mal der Atem stockt.

          „Ada“ will man loswerden: mit den „Durchsichtigen Dingen“, jenem Champagner, durch den das Licht eines seltenen Sommers bricht, wird man indes niemals fertig. Hoffen wir denn, dass Nabokov auch jene, die in „Ada“ nur ein Schauspiel blinder Selbstverherrlichung erblicken, im Jenseits so freundlich in Empfang nehmen wird wie Mr. R. seinen Hugh Person in den „Durchsichtigen Dingen“: „Immer sachte, dann wird's schon, mein Sohn.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Elektroauto : Europa kann auch Batterien

          Europa schien im Rennen um Stromspeicher für E-Autos abgehängt. Doch das ändert sich gerade – und ein schwedisches Start-up ist der größte Hoffnungsträger.
          Er soll das ländliche Frankreich verkörpern: Jean Castex

          Macrons neuer Premierminister : Wer ist Jean Castex?

          Für Staatspräsident Macron läuft mit dem Rücktritt von Premierminister Édouard Philippe alles nach Plan. Der Weg für einen Politikwechsel ist frei. Einen Nachfolger hat er auch schon ernannt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.