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Vladimir Nabokov: Ada oder Das Verlangen : Einladung zur Peepshow auf dem Planeten Antiterra

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Ein stiller Irrer, liebkoste er die parallelen Striche filigranen Flaums, das den Unterarm des brünetten Mädchens schattierten.“ Ansonsten bleibt Nabokov außer Hörweite des Lesers und versponnen in sich selbst und fällt mitsamt Adas „Haut gleich Satin aus Samarkand“ vom Himmel seiner Meisterschaft in schalen Prunk und trunken ornamentalen Kitsch: ein Unterleibsschriftsteller im Maßanzug.

Von erschreckender Hilflosigkeit

„Er war vierzehneinhalb; er war brennend und brünftig; er würde sie eines Tages wild besitzen!“ Auch an fremdsprachlich verbrämten Vulgärkalauern fehlt es nicht: all dem also, was Nabokov an den „schwülen Bestsellern“ seiner Jahre, „geil und öde“, zum Erbrechen fand. Vor allem der Groschenheftstil eines D. H. Lawrence widerte ihn an; und doch kehrt in „Ada“ des Wildhüters Gemächt aus „Lady Chatterley“ wortwörtlich wieder als Van Veens „Zauberstab“.

Lawrence wäre entzückt gewesen: Mit „Ada“ hat sich Nabokov einen Rummelplatz geschaffen mit eigener Peepshow und ihren verstaubt anzüglichen Charaden von Sexkapaden, mit Dialogen, die Monologe sind und handwerklich von erschreckend monströser Hilflosigkeit - und mit einer Schießbude, an der er altbewährt auf seine Kollegen zielen kann wie auf Proust, Henry James, T.S. Eliot, Jorge Luis „Osberg“ Borges, Thomas Mann und William Faulkner, die er zu einem einzigen, natürlich ungenießbaren Autor namens Falknermann zusammenzwingt.

Hitler-Witzelei ist eine unverzeihliche Geschmacklosigkeit

Der seit jeher tödlich gehasste Sigmund Freud führt in „Ada“ als Dr. Sig Heiler eine Nervenklinik, und dieses den „Wiener Quacksalber“ verhitlernde Gewitzel ist bei einem Menschen, der den Konzentrationslagern der Nazis eben noch entging, eine unverzeihliche Geschmacklosigkeit, die geistig auch nicht sehr weit entfernt ist von dem, wovor Freud ins Londoner Exil fliehen musste - und was unterscheidet einen „subhumanen Jungtrottel“, wie Van Veen einen lästig lärmenden Motorradfahrer nennt, vom „Untermenschen“?

Es dürfte auch kaum sein Anliegen gewesen sein, dass man die Autoren, die er fern aller Pietät so scharfrichterlich beleidigt, plötzlich statt seiner lesen und zuletzt auch Nabokov vor Nabokov selbst in Schutz nehmen möchte - aber zu spät: Unendlich tief ist die Fallhöhe eines Genies, und wenn es ein Nabokov ist, der stürzt, dann sieht der Krater, den er in die Erde schlägt, besonders hässlich aus. Beschönigen lässt sich alles, und gewiss werden sich manche Exegeten weiterhin den Irrtum gönnen, „Ada“ sei ein Meisterstreich. Dem normalsterblichen Rest aber bleiben die Tore zu Ardis Hall für immer verschlossen.

Nabokov hat sein Publikum vergessen

So hat der Gott unter unseren Romanciers einmal zu viel vom selbstgekelterten Wein getrunken und dabei sein Publikum vergessen - und doch gehört „Ada“, diese globale Katastrophe im nabokovschen Universum, nicht in jene Alterswerk-Erschöpfungsphase, von der es bei anderen Großautoren immer heißt, sie hätten ihr Bestes schon hinter sich und sprächen nur mehr mit sich selbst. Denn nach „Ada“ hat sich Nabokov noch einmal seiner Gabe zur Lakonie entsonnen und legte mit den „Durchsichtigen Dingen“ 1972 - im Band zwölf von Zimmers Werkausgabe - ein solches Prachtstück hin, dass einem vor Freude und Leseglück ein ums andere Mal der Atem stockt.

„Ada“ will man loswerden: mit den „Durchsichtigen Dingen“, jenem Champagner, durch den das Licht eines seltenen Sommers bricht, wird man indes niemals fertig. Hoffen wir denn, dass Nabokov auch jene, die in „Ada“ nur ein Schauspiel blinder Selbstverherrlichung erblicken, im Jenseits so freundlich in Empfang nehmen wird wie Mr. R. seinen Hugh Person in den „Durchsichtigen Dingen“: „Immer sachte, dann wird's schon, mein Sohn.“

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