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Vladimir Nabokov: Ada oder Das Verlangen : Einladung zur Peepshow auf dem Planeten Antiterra

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Und das ein Meisterwerk auch nach dreimaliger Lektüre nicht ist, einfach weil der vor schierer Trivialität schutzlose Plot den Kanonaden zielloser alliterativer Verspieltheiten, Scrabble-Partien und schwulstender Nebensätze nicht standhalten kann und Nabokov selbst gegen alle Dekrete verstößt, die er seinen literarischen Gegnern einst auferlegt hat.

Inzest von Geschwistern als letztes Tabu

Die Existenz von „Ada“ ist kein Muss - Seite für Seite überfällt einen das Gefühl, alles könnte ganz anders und oft besser geschrieben sein, und so fragt sich, warum es diesen Roman überhaupt gibt? Ursprünglich wollte Nabokov einen Essay verfassen über Wesen, Werk, Wirkung der Zeit. Er scheiterte; nahm Versatzstücke daraus, erfand sich Figuren dazu, die nie zum Leben erwachen, affektierte Erotikmarionetten eines Gepetto, der offenbar letztmalig die ganz große Sau rauslassen wollte - aber nicht grob lüstern natürlich, sondern fein ziselierend wie ein Hieronymus Bosch.

Nach der Pädophilie in „Lolita“, auf die Nabokov in „Ada“ mehrfach paradiesvogelstolz verweist, stand nur noch ein Tabu zur Verletzung an: das des fröhlichen Geschwisterinzests. Doch konnte Nabokov kaum weiter gehen als in „Lolita“ mit der Masturbationsszene Humberts angesichts seiner wie toten Stieftochter in spe, und so verwundert es nicht, dass ihm „Ada“ mehr Sorgen machte als jedes andere seiner Werke zuvor und er sich von der Niederschrift unentwegt ablenken ließ. Plot und Figuren, beide Totgeburten von vornherein, verwischten sich mehr und mehr, und wild wucherten die Widersprüche. Nabokov schrieb mit allzu gebieterischer Hitzigkeit, türmte in etwas mehr als einem Jahr seine Karteikarten beinah unbesehen auf wie ein Beamter seine Akten und reicherte an, statt zu streichen und die Widersprüche aus dem Romanverkehr zu ziehen.

Die Erde als Ort des Jenseits

Die im lasziv klebrigen Nebel verirrte Handlung dieses als Autobiographie des Privatgelehrten Van Veen getarnten Romans überhaupt wiedergeben zu müssen kommt der Zumutung gleich, Veens Lieblingsbordell „Villa-Venus-Club“ beitreten zu müssen: Auf einem Planeten namens Antiterra, dessen verschroben hellsichtige Intellektuelle unseren Planeten Terra für das Jenseits halten, verlieben sich in Ardis Veen und Ada, erkennen nach anatomisch waghalsigen Endloskopulationen, dass sie Geschwister sind, und kommunizieren nun eben getrennt voneinander geschlechtlich um die Wette; Veen wird nebenher Autor, Ada Schauspielerin; „Klein Lucette“, beider Halbschwester und „taufeucht“ sexbereite Seejungfrau, hat es mit Ada und schliefe gern auch mit Veen, der onaniert, um seiner Ada nicht mit Lucette untreu zu werden. Und die um Veens Ejakulation geprellte Lucette? Wirft sich, eine zweite Ophelia, über Bord eines Liniendampfers.

Aber selbst in dieser vielzitierten Szene mangelt es dem Autor an jener Güte, die er in seinen Interviews immer als Tugend schlechthin anpries. Erst die letzten Seiten bieten ein wenig von Nabokovs gewohnter Brillanz, da sie einmal nicht wackersteinschwer alltägliche Nichtigkeiten so lange polieren, bis man sie für Juwelen halten soll.

Erotische Schönhheit nur selten

Nur gelegentlich leuchtet ein fragiles luziferisches Licht aus den delikat gedachten Zeilen und gibt erotische Schönheit her, so wenn Van Veen Körperdetails - Adas „mit einem winzigen Aquamarin gestirnte Hand“ - wie übersinnliche Offenbarungen umschwärmt und die „dunkelbraune Iris ihrer ernsten Augen“ mit der „rätselhaften Opazität eines orientalischen Hypnotiseurs“ vergleicht. Einmal exakt und nicht wie in dieser Neuedition ungeschickt übersetzt: „Das Pathos der Handwurzel, die Grazie der Fingerglieder verlangten nach hilflosen Kniefällen, einem Schleier überströmender Tränen, nach Agonien unverbrüchlicher Anbetung. Er berührte ihren Puls wie ein sterbender Doktor.

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