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Vladimir Jabotinsky: Die Fünf : Die letzten Tage von Odessa

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag Die Andere Bibliothek

Trouvaille vom Schwarzen Meer: Mehr als siebzig Jahre ließ die deutsche Übersetzung von Vladimir Jabotinskys großartigem Roman „Die Fünf“ auf sich warten.

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          Der Odessaer Humor ist legendär: Leicht schlitzohrig und schalkhaft, zeigt er stets einen Hang zur Gaunerei. Babel hat ihn in seinen „Geschichten aus Odessa“ verewigt, und nicht von ungefähr schmückt seit einigen Jahren eine Skulptur des Großen Kombinators Ostap Bender aus den „Zwölf Stühlen“ die Stadt. Viel zu lange war jedoch unbekannt, wie tadelnswert unvollständig diese Galerie ausgemachter Filous ohne einen gewissen Serjosha Milgrom ist: Der Spross einer jüdischen Handelsfamilie regelt weinselig und bierernst den Verkehr, parliert mit Hafenarbeitern ebenso zwanglos wie mit Börsenunternehmern und umgarnt mühelos Männlein wie Weiblein. Noch vor fünfzig Jahren, versichert ein alter Bekannter der Familie, wäre er der „König von Odessa“ gewesen. Inzwischen ist seine Zeit abgelaufen. Der neue Mann der Stunde ist sein jüngerer Bruder Torik, der Streber der Familie, der sich am Ende taufen lässt. Die Gaunerkomödie entpuppt sich unversehens als Gaunertragödie.

          Ein Abgesang auf den einstigen Glanz

          Man ahnt, dass dieser Typenwechsel symptomatisch ist. Nicht nur Serjosha tritt ab, nein, auch die zaristische Gesellschaft liegt Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in den letzten Zügen. Wenn man will, treffen in den „Fünf“ der überflüssige Mensch und die Décadence aufeinander, vereint im Abgesang auf den einstigen Glanz. Wie häufig ist es ein Untergang mit Pauken und Trompeten, der mehr von der „Titanic“ hat als von den „Buddenbrooks“. Denn während es bereits gärt und brodelt, führen die Milgroms mit den fünf Kindern weiterhin ein offenes Haus.

          Vor allem die freisinnige Marussja hält Hof. Bei diesen Gesellschaften werden sophistische Wettbewerbe ausgetragen, warten die Gäste mit immer subtileren Sottisen und überraschenderen Aperçus auf. Exemplarisch ist der Tag, an dem es zum Aufstand auf dem Panzerkreuzer Potemkin kommt; der Ich-Erzähler beschreibt die Stimmung so: „Ich könnte den Hang hinabrollen, mitten hinein in die untere Gruppe, die noch vor einer halben Stunde nur leise geflüstert hatte und deren lautes Gelächter nun die knatternden Schüsse übertönte, und die Herren und Damen würden mich aufnehmen wie einen der Ihren und weiter geistreich witzeln.“

          Stadtporträt und Zeitchronik

          Die russische Kritik ist sich heute einig, dass Jabotinskys „Fünf“ ein exzellenter Odessa-Roman ist. Ansonsten ist nur wenig über den Autor bekannt, er findet sich weder in russischen noch in deutschsprachigen Literaturgeschichten, selbst Kasacks verlässliches „Lexikon der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts“ nennt ihn nicht: Geboren 1880 in Odessa, gestorben 1940 in Amerika, mit dem Kinderbuchautor Tschukowski befreundet, begann sich Jabotinsky beim Studium in Rom für den Zionismus zu interessieren. Der Ich-Erzähler des Romans trägt durchaus Züge des Autors. In der Sowjetunion wurde Jabotinsky trotz eines schmalen OEuvres hauptsächlich über dieses politische Engagement wahrgenommen - und geschmäht. „Die Fünf“ wurden 1936 zunächst in Paris veröffentlicht, und erst von 2000 an wurde sein Werk in Russland in einer Gesamtausgabe gewürdigt.

          Dass der Roman „Die Fünf“ nun auch auf Deutsch vorliegt, kann der Anderen Bibliothek gar nicht hoch genug angerechnet werden. Denn er zeichnet nicht nur ein hervorragendes Porträt der Stadt Odessa, sondern geht darüber weit hinaus. Wenn der Übergang vom „heiteren und sorglosen“ Alltag zur Überwachungsgesellschaft am veränderten Selbstverständnis der Hauswarte dargestellt wird, ist er Zeitchronik und zugleich Geschichtsbuch; wenn er die fünf Geschwister porträtiert, von der warmherzigen Marussja bis zur eiskalten Lika, der künftigen Spionin, zeichnet er treffende Psychogramme. Er thematisiert Antisemitismus ebenso wie Vorbehalte seitens der jüdischen Gemeinde gegenüber Christen, leuchtet die Probleme kulturellen Miteinanders in einer Stadt aus, in der „das schönste Lied der Menschheit“ zu hören ist: „hundert Sprachen“. Wie all die Themen dicht und plastisch in hochkondensierter Form dargeboten werden, ist meisterlich. Die Sprache des Romans trägt dazu bei, findet sie doch die Balance zwischen Elegie und Ironie, die zum Abgesang auf die Zeit passt.

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