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Vita Sackville-West: Eine Frau von vierzig Jahren : Weit reichen die dunklen Schatten des Viktorianischen Zeitalters

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

In ihrem Roman „Family History“ von 1932, der als „Eine Frau von vierzig Jahren“ 1950 erstmals auf Deutsch erschien, zeichnet Vita Sackville-West das bewegende Porträt ihrer Generation. Jetzt ist das Meisterwerk in neuer Übersetzung zu entdecken.

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          In einer kurzen, bitteren Abrechnung mit dem neunzehnten Jahrhundert wirft D.H. Lawrence den Viktorianern vor, die Generation ihrer Söhne und Töchter verstümmelt und kastriert zu haben. Mit dem Roman „Family History“, der 1932 publiziert und in vager Anlehnung an Balzac als „Eine Frau von vierzig Jahren“ 1950 erstmals ins Deutsche übersetzt wurde, legt Vita Sackville-West das bewegende Porträt einer dieser „Verstümmelten“ vor und zeigt, dass der Schatten des Viktorianischen Zeitalters bis weit in die ersten Dekaden des zwanzigsten Jahrhunderts reichte. Während die 1892 geborene Autorin sich gegen jede Form von moralischen Restriktionen verwahrte und sowohl in ihrer offenen Ehe mit dem Diplomaten und Kritiker Harold Nicolson als auch in ihren gleichgeschlechtlichen Beziehungen zu Violet Trefusis und Virginia Woolf ein provokantes Leben führte, stellt sie ihre Protagonistin Evelyn Jarrold als Frau dar, die die Chance, in der Liebe zu einem jüngeren Mann den gesellschaftlichen Konventionen zu entkommen, nicht zu ergreifen vermag.

          Wenn Evelyn zu Beginn des Romans als Witwe des im Krieg gefallenen Thomas Jarrold von ihrem Schwiegervater durch das Familienmuseum der zu Wohlstand gekommenen Jarrolds geführt wird, so ahnt der Leser, dass Sackville-West im Folgenden immer wieder ihren entlarvenden Blick auf eine Generation von Industriellen und Neureichen richten wird, die nunmehr museal und anachronistisch geworden ist. Hinter der Fassade der in Eliteschulen erworbenen Manieren verbergen sich nur noch grober Chauvinismus, Aggression und Intellektualitätsfeindlichkeit, die man gelegentlich mit einem ostentativ dargebotenen Zitat aus der antiken Literatur zu kaschieren versucht. Zwar gehört Evelyn Jarrold in die eindrucksvolle Reihe der modernen literarischen Frauengestalten, die seit Emma Bovary gegen die erdrückende Last aufbegehren, aber da, wo es einer Frau wie Constance Chatterley in dem nur vier Jahre zuvor publizierten Roman „Lady Chatterley’s Lover“ gelingt, den erstarrten Kulturraum der Aristokratie zu verlassen, um in der Naturwelt des Wildhüters Oliver Mellors eine Rehabilitation des Körpers zu erfahren, fällt Evelyn in den viktorianischen Kontext zurück, aus dem sie sich bis zum Tod nicht löst.

          Auf dem Land leben, das liebt sie

          Auch literaturhistorisch ist die Geschichte von Evelyn Jarrold ein Rückschritt oder die Chronik verpasster Gelegenheiten: Bis auf zwei Zitate, die T.S. Eliots „Waste Land“ entlehnt sind, und andere intertextuelle Verweise aus romantischen Werken von Oliver Goldsmith und John Keats bleibt der Modernismus in diesem Roman außen vor, und gerade erzähltechnisch ist der Roman somit mehr viktorianischen Schriftstellern wie Dickens verpflichtet als den experimentellen und künstlerisch durchkomponierten Werken von Joyce, Woolf oder Faulkner. Aber gerade trotz dieser literarischen Anachronismen gelingt es Sackville-West eindrucksvoll, die innere Zerrissenheit ihrer weiblichen Hauptfigur, den Kontrast zwischen „Viktorianerin und moderner Frau“ hervorzuheben: Wenn sie auf den jungen Aristokraten, Freigeist und Politiker Miles Vane-Merrick trifft, ist sie einerseits durch die erfrischende Pluralität seiner Ideen und Interessen angezogen, andererseits spürt sie auch den Zwang, ihre Privilegien wie auch ihre Denkschemata ablegen zu müssen.

          Gemäß der dualistischen Konzeption des Romans liebt es Miles Vane-Merrick, auf dem Land zu leben. Die Burg, in der er sich zurückzieht, ist umgeben vom romantischen Flair zerfallender Mauern, und die rustikale Einfachheit, mit welcher der junge Mann sich umgibt, hebt sich ab von der strengen Akkuratesse und der geometrisierenden Ordnung des Herrschaftssitzes der Jarrolds. In dem 1930, kurz vor der Publikation des Romans erstandenen Anwesen Sissinghurst Castle in der Grafschaft Kent scheint Vita Sackville-West bemüht zu sein, die Gegensätzlichkeit der Landsitze im Roman zu vereinen: Streng geschnittene Hecken unterteilen Gartenanlagen, die ihrerseits opulent bepflanzt sind.

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